PROGRAMM

 

Freitag, 12. Juni 2026

 

9:30 bis 10:00 Uhr

Anmeldung und Empfang

10:00 bis 10:30 Uhr

  • Begrüßung AIWG/DEGITS
  • Wissenschaftliche Keynote Prof. Dr. Amir Dziri

Paralleles Programm #1, 10:45 bis 12:15 Uhr

Sektion Islamische Theologie und Religionspädagogik/Panel

 

Beitragende:

  • Gülbahar Erdem, M.A., (Leitung) Paderborner Institut für Islamische Theologie (PIIT), Universität Paderborn
  • Aida Tuhčić, M.A, DIRS an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • RD Dr. Sarah Jadwiga Jahn, Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW
  • Prof. Dr. Thomas Lemmen, Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen

Sektion Lebenswelten/Panel

Beitragende:

  • Jeannine Röthlin, M.A. (Leitung), Agency und Gouvernementalität im Kontext muslimischer Asylseelsorge, Schweizerisches Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG), Universität Fribourg
  • Dr. Ahmed Ajil, “Ich traue mich nicht, den Hijab zu tragen, denn sie denken sonst, ich sei rückständig.”: Ein intersektionaler Blick auf den Zusammenhang zwischen Flucht und Religiosität am Beispiel syrischer Geflüchteter in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Religionswissenschaftliches Seminar, Universität Luzern
  • Dr. Yasemin El-Menouar, Muslimisches Engagement für Geflüchtete und gesellschaftliche Solidarität: Befunde des Religionsmonitors, Senior Expertin bei der Bertesmann Stiftung in Gütersloh

 

Panelbeschreibung:

Dieses Panel bringt Forschungsprojekte zusammen, die sich mit der Rolle muslimischer Akteur_innen und Praktiken im Kontext von Flucht, Asyl und gesellschaftlichem Zusammenhalt befassen. Im Mittelpunkt stehen sowohl die Lebensrealitäten muslimischer Geflüchteter als auch die Handlungsspielräume muslimischer Akteur_innen in der Asylseelsorge, in der zivilgesellschaftlichen Flüchtlingshilfe und innerhalb religiöser Gemeinschaften. Das Panel verbindet empirische Befunde mit theoretisch-konzeptionellen Reflexionen und fragt, wie Religion und religiös geprägte Identität als Ressource für Solidarität, Fürsorge und Agency wirken und zugleich in Spannungsfeldern staatlicher Regulierung und öffentlicher Debatten verhandelt werden.

Zentrale Leitfragen sind: Wie nutzen muslimische Akteur_innen Handlungsspielräume in regulierten institutionellen Kontexten, um Fürsorge und Empowerment für Geflüchtete zu fördern? Welches Potenzial birgt muslimisches Engagement für gesellschaftlichen Zusammenhalt und welche Spannungen entstehen an der Schnittstelle von Religion, Staat und Zivilgesellschaft? Wie prägen Asyl- und Diskriminierungserfahrungen religiöse Orientierungen und Praktiken geflüchteter Menschen?

Die Beiträge des Panels basieren auf unterschiedlichen methodischen Zugängen: einer ethnografischen Untersuchung muslimischer Asylseelsorge in schweizerischen Bundesasylzentren; einer interviewbasierten Untersuchung religiösen Wandels bei syrischen Geflüchteten im deutschsprachigen Raum sowie einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung (Religionsmonitor) zum muslimischen Engagement in der Flüchtlingshilfe.

Gemeinsam analysieren sie die Wechselwirkungen zwischen Religion, staatlichen Institutionen und zivilgesellschaftlicher Solidarität im Migrations- und Asylkontext.

 

Abstracts der Vorträge:

Jeannine Röthlin, M.A.: Agency und Gouvernementalität im Kontext muslimischer Asylseelsorge

Die muslimische Asylseelsorge ist in der Schweiz ein vergleichsweise neues Praxisfeld und wurde erst 2023 dauerhaft in Bundesasylzentren eingeführt. Sie bewegt sich innerhalb stark regulierter institutioneller Strukturen, die durch staatliche Asylpolitik und Governance geprägt sind. Gleichzeitig bildet die Asylseelsorge ein wichtiges Gegengewicht zur staatlichen Asylpraxis, indem sie sich an Werten wie Geduld, Zuhören und dem Vermitteln von Hoffnung orientiert.

Der Vortrag präsentiert erste Ergebnisse einer ethnografischen Feldforschung in vier Bundesasylzentren und zeigt, wie institutionelle Regeln und Vorgaben die Praxis von muslimischen Asylseelsorgenden prägen. Anschließend wird untersucht, in welchem Ausmaß sie diese Strukturen mitgestalten oder beeinflussen können und welche Handlungsspielräume sie nutzen, um Asylsuchende während ihrer Zeit im Asylzentrum zu unterstützen.

Der Beitrag zeigt, dass muslimische Asylseelsorge nicht nur auf religiöse Bedürfnisse reagiert, sondern auch als Praxis der Solidarität, Menschlichkeit und des Empowerments verstanden werden kann und zur Gestaltung von Lebenswelten im Asylkontext beiträgt.

 

Dr. Ahmed Ajil: “Ich traue mich nicht, den Hijab zu tragen, denn sie denken sonst, ich sei rückständig.”: Ein intersektionaler Blick auf den Zusammenhang zwischen Flucht und Religiosität am Beispiel syrischer Geflüchteter in Deutschland, Österreich und der Schweiz

Ahmed Ajil präsentiert die Ergebnisse des Dreiländer-Forschungsprojekts Between Intensification and Relativisation, das auf über 60 Interviews mit muslimischen und christlichen syrischen Geflüchteten in Deutschland, der Schweiz und Österreich basiert. Die Studie untersucht, wie lokale Aufnahmeregime, öffentliche Diskurse sowie individuelle Faktoren religiösen Wandel im Kontext von Migration beeinflussen. Dieser Wandel wird entlang zweier Achsen betrachtet: Intensivierung vs. Relativierung sowie Kollektivierung vs. Privatisierung von Religiosität.

Im Zentrum der Präsentation steht das Zusammenspiel zwischen Diskriminierungserfahrungen und Religiosität, insbesondere in Bezug auf religiöse Praxis und Zugehörigkeit. Es wird aufgezeigt, welche Formen des Othering syrische Geflüchtete betreffen und wie sich diese auf Integrationsprozesse auswirken. Bemerkenswert ist dabei, dass sowohl christliche als auch muslimische Geflüchtete von antimuslimischem Rassismus betroffen sind.

Die Ergebnisse verdeutlichen zudem, dass religiöser Wandel infolge von Migration nur durch eine intersektionale Analyse angemessen erfasst werden kann. Faktoren wie Geschlecht, Religionszugehörigkeit, Alter und sozioökonomischer Hintergrund prägen die unterschiedlichen Umgangsweisen mit Religion, die von einer Distanzierung bis hin zu einer Intensivierung religiöser Praxis reichen können.

 

Dr. Yasemin El-Menouar: Muslimisches Engagement für Geflüchtete und gesellschaftliche Solidarität: Befunde des Religionsmonitors

Im Spätsommer 2015 stellte die Aufnahme vieler Geflüchteter Deutschland vor große Herausforderungen. Zugleich entstanden zahlreiche Initiativen zur Unterstützung der Ankommenden im Alltag. Viele dieser Hilfsangebote gingen von Religionsgemeinschaften aus: Kirchen, Moscheen und andere Glaubenshäuser öffneten ihre Räume für Geflüchtete und für die Organisation der Hilfe.

Gleichzeitig wurden kritische Stimmen laut, insbesondere mit Blick auf Muslim_innen. Einerseits wurde ihnen ein geringes Engagement vorgeworfen, andererseits äußerten sich Sorgen vor religiöser Einflussnahme durch radikale Prediger.

Der Vortrag vermittelt repräsentative Ergebnisse des Religionsmonitors zum gesellschaftlichen Engagement der muslimischen Bevölkerung mit besonderem Fokus auf die Flüchtlingshilfe. Grundlage sind Daten aus den Erhebungen von 2017 und 2023. Zunächst wird das Ausmaß muslimischen Engagements beschrieben. Anschließend wird untersucht, welche Rolle Religion spielt und wie religiöser Glaube, religiöse Praxis und Gemeindeanbindung im Vergleich zu soziodemographischen Faktoren wie Alter oder Bildung wirken.

Ziel ist es, ein differenziertes Verständnis muslimischen Engagements sowie seiner Potenziale und Herausforderungen für gesellschaftliche Solidarität und Integration zu gewinnen.

 

Sektion Text und Norm/Panel

Beitragende:

  • Prof. Dr. Abbas Poya (Leitung), Islamische Theologie und nicht-heteronormative Lebensentwürfe, Department Islamisch-Religiöse Studien (DIRS), Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • Dr. Marianus Hundhammer, Muḥammad und die Muslim_innen in Mekka als Minderheit, Heisenberg-Professur für Krisendiskurse im gegenwärtigen Islam, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • Julia Eckert, M.A., Gender und Koranexegese: Post-foundationalistische Perspektiven, Masterstudentin der Islamisch-Religiösen Studien, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

 

Panelbeschreibung:

Das Panel zielt darauf, islamisch-theologische Fragen systematisch aus einer Minderheitenperspektive zu analysieren. „Minderheiten“ bezeichnet dabei Personen, Gruppen oder Positionen, die in einem jeweiligen sozialen, religiösen oder politischen Kontext marginalisiert oder machtlos sind. Dieser Perspektivwechsel ermöglicht es, etablierte Narrative kritisch zu prüfen und alternative Deutungsräume zu eröffnen.

Die Diskussion gliedert sich in drei Schwerpunkte:

Muḥammad und die Muslim_innen in Mekka: Hier stehen Muḥammad und die frühe muslimische Gemeinschaft in Mekka im Fokus. Ihre minoritäre Situation unterscheidet sich grundlegend von der späteren Phase in Medina und erlaubt Einblicke in ursprüngliche moralische und normative Orientierungen des Islams.

Gender und Koranexegese – post-foundationalistische Perspektiven: In diesem Teil werden Gender und Koranexegese aus post-foundationalistischer Perspektive behandelt. Untersucht wird, inwiefern solche Ansätze über Mehrheitsdeutungen hinaus neue hermeneutische Horizonte eröffnen und zugleich kritischer Prüfung standhalten.

Islamische Theologie und nicht-heteronormative Lebensentwürfe: In diesem Teil widmet sich das Panel dem Umgang islamischer Theologie mit nicht-heteronormativen Lebensentwürfen. Im Zentrum steht die Frage, wie traditionell heteronormativ gelesene Koran- und Hadithtexte inklusiv neu interpretiert werden können.

 

Abstracts der Vorträge:

Prof. Dr. Abbas Poya: Islamische Theologie und nicht-heteronormative Lebensentwürfe

Die Gesetzgebung in vielen islamischen Staaten verschärft zunehmend die rechtliche Lage nicht-heterosexueller Beziehungen oder erschwert deren gesellschaftliche Anerkennung erheblich. Im Irak wurde beispielsweise am 28.04.2024 ein Gesetz verabschiedet, das für gleichgeschlechtliche Beziehungen erstmals Freiheitsstrafen von bis zu 15 Jahren vorsieht. In Ägypten werden gleichgeschlechtliche Beziehungen trotz fehlender expliziter Strafnormen faktisch über andere Gesetze, etwa zu Prostitution, Telekommunikation oder Cyberkriminalität, verfolgt.

Auch unter in Europa lebenden Muslim_innen überwiegt eine exklusivistische, heteronormative Haltung. Vor diesem Hintergrund haben sich in den vergangenen drei Jahrzehnten theologische Ansätze entwickelt, die eine kritisch-reflektierte und inklusive Haltung gegenüber sexuellen Minderheiten einfordern. Im Fokus steht dabei der Umgang mit Koran- und Hadithtexten, die traditionell heteronormativ gelesen wurden. Während einige Ansätze auf Relektüre und Kontextualisierung setzen, argumentieren andere mit den maqāṣid aš-šarīʿa oder dem Prinzip der Gerechtigkeit.

Der Vortrag zeichnet diese Debatten nach und fragt, ob und wie nicht-heteronormative Lebensentwürfe im Islam legitimiert werden können.

 

Dr. Marianus Hundhammer: Muḥammad und die Muslim_innen in Mekka als Minderheit

Die frühislamische Geschichtsschreibung ist von religiöser Zensur, hagiographischen und imperia-listischen Tendenzen geprägt und nimmt meist eine Perspektive der Mehrheit und der Sieger ein. Die Position der Minderheit, in der sich Muḥammad und die Muslim_innen in Mekka befanden, ist bisher demgegenüber kaum erforscht, obwohl hier wichtige Grundlagen des Islam und des islamischen Rechts zu verorten sind.

In diesem Forschungsprojekt stehen Koran und Prophetenbiographie im Zentrum der Untersuchung. Der Frage der Historizität wird mit Methoden der Text- und Literarkritik sowie der Chronologisierung begegnet. Die gesellschaftliche Stellung Muḥammads und seiner Gemeinde in der Frühphase des Islam und die damit zusammenhängenden moralisch-normativen Inhalte dieser Minderheiten-Position werden in einem abschließenden Arbeitsabschnitt herausgearbeitet und im Hinblick auf das bestehende Islamische Recht vergleichend analysiert.

 

Julia Eckert, M.A.: Gender und Koranexegese: Post-foundationalistische Perspektiven

Feministisch orientierte Denkerinnen wie Fatima Mernissi, Amina Wadud und Asma Barlas begründeten um die Jahrtausendwende die feministische Koranexegese. Sie kritisieren patriarchale Auslegungen des Korans und lesen ihn als befreienden, anti-patriarchalen Text. Neuere Stimmen wie Aysha Hidayatullah und Raja Rhouni weisen jedoch auf methodische Grenzen dieses Ansatzes hin. Sie behaupten, dass der Koran auch mit den Methoden der feministischen Koranexegese letztlich nicht vollständig von jeglicher Schuld für seine patriarchalischen Interpretationen freigesprochen werden könne. Rhouni schlägt daher einen „post-foundational approach“ vor, der den Koran als historisch situierten Dialog zwischen Gott und Mensch versteht und sich von apologetischen Lesarten löst.

Der Vortrag untersucht, welche neuen Wege in der Koranexegese durch post-foundationalistische Ansätze eröffnet werden und inwiefern diese einer Kritik standhalten. Dazu werden Überlegungen von Amina Wadud und Asma Barlas diskutiert: Wadud plädiert für bewusste „Interventionen“ gegenüber problematischen Versen, während Barlas den Koran weiterhin als sakrale Quelle verteidigt und die moralische Verantwortung der Lesenden betont.

12:15 bis 14:00

Mittagessen und Möglichkeit zum Freitagsgebet

Paralleles Programm #2, 14:00 bis 15:30 Uhr

Sektion Islamische Theologie und Religionspädagogik/ Werkstattgespräch (AIWG-Projektwerkstatt)

 

Beitragende: 

  • Prof. Dr. Annett Abdel-Rahman (Leitung), Institut für Islamische Theologie, Universität Osnabrück
  • Prof. Dr. Naciye Kamcili-Yildiz (Leitung), Paderborner Institut für Islamische Theologie, Universität Paderborn
  • Aziza Güzel, M. Ed., Institut für Islamische Theologie, Universität Osnabrück
  • Yasemin Baş-Masalci, M.Ed., Paderborner Institut für Islamische Theologie, Universität Paderborn

Sektion Islamische Theologie und Religionspädagogik/Panel

Beitragende: 

  • Dr. Hureyre Kam (Leitung), Superintelligenz + Muslim = Supermuslim? Zum
    Aufbau eines muslimischen posthumanen Vokabulars in der Debatte um den Euro-Transhumanismus, Institut für Islamische Theologie und Religionspädagogik, Universität Innsbruck
  • Prof. Dr. Ali Ghandour, Jenseits muslimischer Bedenken gegenüber dem Transhumanismus: Ein Plädoyer für eine pro-transhumanistische Perspektive, Institut für Islamische Theologie, Universität Hamburg
  • Dr. Hadil Lababidi, Ethik der Selbstoptimierung im Islam: Die Tiefe Hirnstimulation im Spannungsfeld von Medizin und Moral, Institut für Sozialethik, Universität Zürich
  • Tugba Kara, M.A., Das letzte Update: Genome Editing und die eschatologische Frage nach dem Menschsein, Hochschule Schaffhausen
  • Dr. Said Topalovic, Medienmündigkeit im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz: Perspektiven religiöser Bildung, Department Islamisch-Religiöse Studien (DIRS), Friedrich Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

 

Panelbeschreibung:

Der rasante technologische Wandel im Bereich Künstlicher Intelligenz (KI), Neurotechnologie und transhumanistischer Zukunftsvisionen stellt die islamische Theologie vor neue Herausforderungen. Diese Entwicklungen stellen zentrale Kategorien wie Person, Seele, Verantwortung und Gemeinschaft neu zur Disposition und eröffnen zugleich Chancen für eine theologisch fundierte Reflexion über die Zukunft des Menschseins. Die Beiträge analysieren, wie technologische Entwicklungen die islamische Ethik, religiöse Praxis und Bildung beeinflussen. Das geplante Panel bringt fünf unterschiedliche Perspektiven zusammen, die sich an der Schnittstelle von Theorie, Praxis und Ethik verorten und zentrale Fragen nach dem „Menschsein im Zeitalter des Transhumanismus“ ausloten.

Das Panel versteht sich als inter- und transdisziplinärer Beitrag zur islamisch-theologischen Forschung. Es verbindet systematisch-theologische Reflexionen mit bildungstheoretischen und bildungspraktischen Perspektiven und eröffnet so einen Diskursraum, in dem anthropologische Grundfragen, ethische Orientierungen und gesellschaftliche Praxis produktiv zusammengeführt werden. Ziel ist es, islamisch-theologische Wissensbestände angesichts der Herausforderungen von Transhumanismus und Anthropozän neu zu profilieren und Impulse für Forschung, Bildung und muslimische Lebenspraxis in Europa zu setzen.

 

Abstracts der Vorträge: 

Dr. Hureyre Kam: Superintelligenz + Muslim = Supermuslim? Zum Aufbau eines muslimischen posthumanen Vokabulars in der Debatte um den Euro-Transhumanismus

Mit dem Eintritt in ein posthumanes Zeitalter stehen muslimische Intellektuelle vor der Aufgabe, ein Vokabular des „muslimischen Posthumanen“ zu entwickeln, das eine aktive Mitgestaltung der entstehenden Welt ermöglicht. Welche Hoffnungen eröffnen sich für eine posthumane muslimische Gesellschaft im Kontext von KI-basierter Governance, und welche Risiken sind damit verbunden? Der Beitrag versteht sich als erster Schritt in diese Richtung. Zunächst rekonstruiert er Roy Jacksons Figur des „Supermuslim“ und analysiert sowohl dessen muslimisches transhumanistisches Credo als auch die hermeneutische Strategie, Transhumanismus als Fortsetzung islamisch-theologischer und philosophischer Traditionen darzustellen. Die Kritiken von Büşra Kılıç Ahmedi und Syed Mustafa Ali werden dialogisch zusammengeführt, um die theologischen, ethischen und politischen Bruchstellen dieses Ansatzes offenzulegen. Im zweiten Teil wird Stefan Lorenz Sorgners Euro-Transhumanismus als philosophisch eigenständige, anti-utopische Position untersucht, die sich vom libertären Silicon-Valley-Transhumanismus absetzt. Abschließend wird gezeigt, dass diese Perspektive zwar ein produktives Gegenüber darstellt, die grundlegenden Spannungen zwischen transhumanistischen Zielsetzungen und islamischer Anthropologie jedoch fortbestehen und gerade darin Konturen eines muslimischen posthumanen Vokabulars sichtbar werden.

 

Prof. Dr. Ali Ghandour: Jenseits muslimischer Bedenken gegenüber dem Transhumanismus: Ein Plädoyer für eine pro-transhumanistische Perspektive

In der gegenwärtigen muslimischen Theologie zeigt sich häufig eine rückwärtsgewandte Argumentationsweise: Aktuelle Fragen werden durch Rückprojektionen auf vormoderne Autoritäten oder durch Reinterpretationen von Koran und Hadithen beantwortet, wobei religiöse Primärtexte und die von den fuqahāʾ geprägte Tradition als allein normsetzend gelten. Dem stellt der Beitrag den Ansatz der „Überwindung des Textes“ gegenüber, der religiöse Quellen als historisch situierte Ressourcen begreift, deren normative Geltung am heutigen Erkenntnisstand zu prüfen ist. Vor diesem Hintergrund werden transhumanismusskeptische Positionen in muslimischen Diskursen analysiert, die häufig vor Hybris, Eingriffen in die Schöpfungsordnung und einer Entfremdung von der Natur warnen und dabei essenzialisierte Menschenbilder voraussetzen. Der Beitrag argumentiert, dass zentrale transhumanistische Ziele – etwa die Überwindung von Krankheit oder die Steigerung menschlicher Fähigkeiten – nicht grundsätzlich unvereinbar mit muslimischen Theologien sind. Der vermeintliche Konflikt entsteht meist aus reduktionistischen Lesarten der Tradition. Abschließend plädiert der Text für theologische Zugänge, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse ernst nehmen und die innere Vielfalt muslimischer Denktraditionen als Ressource für eine verantwortete Auseinandersetzung mit dem Transhumanismus nutzen.

 

Dr. Hadil Lababidi: Ethik der Selbstoptimierung im Islam: Die Tiefe Hirnstimulation im Spannungsfeld von Medizin und Moral

Der technologische Fortschritt im Bereich der Selbstoptimierung stellt zentrale ethische Fragen an das islamische Menschenbild, insbesondere im Hinblick auf Gerechtigkeit, Gesundheitsversorgung und Verantwortlichkeit. Die Tiefen Hirnstimulation (Deep Brain Stimulation, DBS) ist aufgrund ihrer Invasivität bislang überwiegend auf medizinische Indikationen beschränkt. Gleichzeitig deuten aktuelle Studien auf ein mögliches Potenzial zur kognitiven und moralischen Verbesserung hin, wodurch zukünftige nicht-therapeutische Anwendungen denkbar werden. Der Vortrag fragt nach den Chancen und Grenzen solcher Formen der Selbstoptimierung aus islamisch-ethischer Perspektive. Im Fokus steht eine Bewertung des medizinischen und potenziell nicht-medizinischen Einsatzes von DBS unter Berücksichtigung zentraler islamischer Prinzipien wie ḍarūra (Notwendigkeit), ʿadāla (Gerechtigkeit), lā ḍarar wa-lā ḍirār (Schadensvermeidung) sowie der taklīf-Doktrin (moralische Verantwortlichkeit). Ziel ist eine differenzierte ethische Einordnung zwischen Heilung, Optimierung und islamischer Normativität.

 

Tugba Kara: Das letzte Update: Genome Editing und die eschatologische Frage nach dem Menschsein

Moderne Genome-Editing-Technologien wie CRISPR-Cas9 eröffnen neue Möglichkeiten zur Korrektur genetischer Dispositionen und versprechen die Prävention oder Eliminierung von Erbkrankheiten wie Trisomie 21. Aktuelle Forschungserfolge, etwa die Entfernung von Trisomie-21-Zelllinien, machen diese Technologien zunehmend gesellschaftlich relevant. Neben medizinischem Nutzen werfen sie jedoch grundlegende ethische und philosophische Fragen auf: Wo endet Therapie, und wo beginnt eine Transformation des Menschen selbst?

Der Beitrag analysiert Genome Editing aus einer islamisch-philosophischen Perspektive unter Rückgriff auf Ibn Sīnā. In seiner Anthropologie ist die rationale Seele vom Körper unterscheidbar und nicht auf materielle Bedingungen reduzierbar. Genetische Eingriffe verändern demnach biologische Voraussetzungen, berühren jedoch nicht das metaphysische Wesen des Menschen. Gleichzeitig stellt sich eine eschatologische Grenzfrage: Wenn technologische Eingriffe moralische Verfehlung oder Sünde ausschließen würden, verlöre das menschliche Leben seine Prüfungsdimension. Genome Editing berührt damit nicht nur medizinische Ethik, sondern das islamische Verständnis von Autonomie, Verantwortung und Menschsein selbst.

 

Dr. Said Topalovic: Medienmündigkeit im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz: Perspektiven religiöser Bildung

Die dynamische Entwicklung Künstlicher Intelligenz transformiert die Bildungslandschaft grundlegend und stellt auch die religiöse Bildung vor neue Aufgaben. KI-Systeme eröffnen Potenziale für personalisierte Lernprozesse, Effizienzsteigerung und innovative Lernformate, konfrontieren die Religionspädagogik jedoch zugleich mit Fragen nach Authentizität, Verantwortung und ethischer Bildung. Religiöse Bildung ist daher gefordert, technologische Veränderungen im Horizont theologischer, ethischer und pädagogischer Reflexion kritisch zu verorten. Der Vortrag reflektiert diese Herausforderungen und fragt, wie Medienmündigkeit als Schlüsselkompetenz in einer digital geprägten Gesellschaft ausgebildet werden kann. In Anlehnung an pädagogische Konzeptionen werden drei Dimensionen in den Blick genommen: Analyse von Funktionsweisen und Grenzen KI-gestützter Systeme, Reflexion beschleunigter gesellschaftlicher Transformationsprozesse sowie Förderung verantwortlicher Teilhabe. Medienmündigkeit wird dabei als Voraussetzung verstanden, junge Menschen zu einer kompetenten und verantwortungsbewussten Auseinandersetzung mit KI sowie zur reflektierten Entwicklung eigener religiös-ethischer Positionen zu befähigen. Religiöse Bildung erweist sich somit als unverzichtbare Instanz zur Vorbereitung auf die aktive Mitgestaltung einer pluralen, digitalisierten Gesellschaft.

Sektion Lebenswelten/Panel

 

Beitragende:

  • Dr. Claudia Rammelt und Prof. Dr. Alexander-Kenneth Nagel (Leitung) „Ich glaube.“ Kontinuitäten und Transformation in der alltagstheologischen Reflexion und religiösen Lebenswelt von geflüchteten Syrer_innen in Ostdeutschland, Institut für Soziologie Georg-August-Universität Göttingen
  • Marwa El-Roumy, M.A., Krisenbezogene Religiosität: Transformationen gelebter Religion zwischen existenzieller Bedrohung, Dauerbelastung und Stabilisierung, Institut für Praktische Theologie, Universität Wien
  • Dr. Ahmed Ajil, Wo ist Gott in Syrien? Wo in der Schweiz? Religionswissenschaftliches Seminar, Universität Luzern

 

Panelbeschreibung:

Das Panel versammelt Beiträge aus einem aktuellen WEAVE-Projekt zu Mustern religiösen Wandels bei syrischen Geflüchteten. Der Fokus liegt auf religiösen Reflexionsprozessen in der Diaspora. Die gemeinsame Fragestellung ist, wie Geflüchtete Erfahrungen von Entbettung und Minorisierung nach der Flucht theologisch bzw. religiös verarbeiten und wie Religiosität in dem als säkular wahrgenommenen Kontext der Aufnahmegesellschaften individuell neu definiert und austariert wird. Zudem teilen die Beiträge eine intersektionale Perspektive auf die Verschränkungen religiöser und anderer Differenzmerkmale (v.a. Alter, Geschlecht und soziale Herkunft).

Dabei werden unterschiedliche Erfahrungsräume in Augenschein genommen: Von der religiösen Verarbeitung von existenziellen Bedrohungslagen, über alltagstheologische Deutungsmuster zu positiven Erfahrungen wie Rettung und Gastfreundschaft bis hin zur religiösen Selbstbehauptung unter Bedingungen einer ‚Hyper-Minorisierung‘ in Ostdeutschland (als religiöse, muslimische und migrantische Minderheit). Die Beiträge erschließen die Rolle von islamischer Alltagstheologie für die Lebenswelt auf der Grundlage von problemzentrierten Interviews mit Geflüchteten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Sie gewähren vergleichende Einblicke zur Transformation religiöser Glaubensinhalte, Praxis- und Gemeinschaftsformen im Kontext von Flucht und Marginalisierung.

 

Abstracts der Vorträge:

Dr. Claudia  Rammelt (zusammen mit Alexander Kenneth Nagel): „Ich glaube.“ Kontinuitäten und Transformation in der alltagstheologischen Reflexion und religiösen Lebenswelt von geflüchteten Syrer:innen in Ostdeutschland

Gera ist bekannt für sogenannte Montagsspaziergänge, bei denen Teilnehmende sich lautstark gegen Migration aussprechen. Diese Demonstrationen prägen das Stadtbild ebenso wie populistische Töne aus dem rechten Spektrum. Gleichzeitig hat sich seit 2015 eine sichtbare arabische Infrastruktur etabliert: Zahlreiche Läden wurden eröffnet. Die Zahl der Moscheebesucher ist gestiegen. Um Vorurteilen zu begegnen, finden interreligiöse Spaziergänge und weitere Dialogformate statt.

Im Mittelpunkt des Vortrags sollen jene stehen, die seit 2015 aus Syrien geflohen sind und Gera – trotz erlebter Diskriminierung – heute als „meine Stadt“ bezeichnen. „Ich glaube“ ist dabei nicht nur eine Aussage, sondern ein performativer Akt, der Identität stiftet und soziale Position markiert. Zum einen liegt der Fokus des Beitrags auf der Frage, wie Muslim:innen ihre religiöse Praxis in Gera im Vergleich zu Syrien gestalten können. Zum anderen wird darauf fokussiert, wie sie unter den Bedingungen von Flucht und Ausgrenzung über Glauben und Glaubensinhalte reflektieren.

 

Marwa El-Roumy, M.A: Krisenbezogene Religiosität: Transformationen gelebter Religion zwischen existenzieller Bedrohung, Dauerbelastung und Stabilisierung

Menschen, die zu Flüchtenden werden, durchlaufen eine Vielzahl unterschiedlicher, krisenhafter Situationen. Im Umbruch einer zuvor als stabil angenommenen Lebenswelt muss Religion als Ressource neu ausgehandelt werden und erfährt eine potenzielle Transformation.

Dieser Beitrag fragt, welche Auswirkungen unterschiedliche Krisenkonstellationen auf individuelle Religiosität und Religionspraxis haben und wie diese Anpassungen und Veränderungen (u.a. theologisch) rationalisiert werden. Die Grundlage der Untersuchung bilden Interviewdaten aus dem BIR-Projekt mit muslimischen, syrischen Geflüchteten. Insbesondere im Fokus steht dabei Religiosität und religiöse Praxis in drei charakteristischen, als krisenhaft empfundenen Kontexten: in lebensbedrohlichen Situationen (z.B. in Kriegsgebieten), langanhaltenden Phasen hoher Belastung und rechtlicher Unsicherheit (z.B. in Transitstaaten) sowie Phasen relativer Stabilisierung im Zielland.

Darin wird ein dynamisches Muster von Intensivierung und Reduktion der Religiosität deutlich. Der Beitrag zeigt, wie Religiosität als situativ aktivierte, geschwächte oder transformierte Ressource fungiert und wie solche Veränderungen von Interviewpartner:innen vermittelt und gedeutet werden.

 

Ahmed Ajil: Wo ist Gott in Syrien? Wo in der Schweiz?

Der Beitrag untersucht theologische Laienerklärungen für schmerzhafte Erfahrungen syrischer Geflüchteter in drei Phasen: den Krieg in Syrien, die Flucht sowie das Leben in der DACH-Region. Zentral ist die Frage, wie Gott in diesen Krisenmomenten wahrgenommen wird. Auf Basis von Interviews werden religiöse Deutungsmuster rekonstruiert, die von tiefem Glauben bis zu agnostischen Perspektiven reichen. Die Analyse nutzt Intersektionalität, um zu zeigen, wie Faktoren wie Klasse, Geschlecht oder religiöse Sozialisation die Einbeziehung Gottes in die Leiddeutung prägen.

Die Ergebnisse zeigen, dass Kriegserfahrungen oft als Raum göttlicher Abwesenheit oder Ohnmacht beschrieben werden. Flucht und Ankunft lassen sich hingegen leichter theologisch deuten, etwa durch Gastfreundschaft als Zeichen göttlicher Gegenwart oder Berichte über wunderbare Interventionen. Der Beitrag verdeutlicht, wie Geflüchtete Theologie als Ressource nutzen, um Erfahrungen von Verlust, Hoffnung und Neuanfang individuell zu verarbeiten.

Sektion Text und Norm/Panel

 

Leitung: 

  • Nadeem Elias Khan, M.A. (Leitung), AIWG, Goethe-Universität Frankfurt am Main

 

Beitragende:

  • Prof. Dr. Rana Alsoufi, In Pursuit of Certainty in Logic and Legal Theory:
    The Case of Abū Ḥāmid al-Ghazālī (d. 505/1111), Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam, Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Dr. Florian A. Lützen, Glaube und Wirklichkeit – Erkenntniswege in Kalam und Sufitum in der postklassischen muslimischen Gelehrsamkeit (14.–19. Jahrhundert), Freier Forscher, Lehrbeauftragter Univesität Hamburg
  • Muhammed Ragab, M.A., From Textual Margins to Intellectual Center:
    Tracing Muʿtazilī Traditions in Contemporary Arabic Thought using Computational Methods, Leibniz-Institute for Educational Media | Georg-Eckert-Institute (GEI), Braunschweig
  • Dr. Kamil Öktem, Normkritik und Episteme in Bewegung:
    (Dis-)Kontinuität und Integrität vormoderner Methoden in Erkenntnis- und Religionsdiskursen, Islamisch-Theologische Studien, Universität Wien

 

Panelbeschreibung:

This panel focuses on the dynamics between faith, reason, and certainty in Islamic intellectual history. Whether reason and logic can further religious understanding has been a hotly debated topic for more than a millennium. Despite widespread opposition, rational epistemology made a lasting impact on Islamic thought and ethics as will be discussed in four chronologically ordered papers.

First, Abū Ḥāmid al-Ġazālī’s (d. 505/1111) pursuit of certainty (yaqīn) is examined across theology, logic, and jurisprudence to identify tensions between rational inquiry and juristic reasoning.

Second, the relationship between faith (imān) and reality is contextualized through the three religious sciences of fiqh, kalām and Sufism – particularly through the works of Aḥmad Ṭāškubrīzāda (d. 968/1561), al-Ḥasan al-Yūsī (d. 1102/1691), and ʿAbd al-Wahhāb aš-Šaʿrānī (d. 973/1556).

Third, the influence of Muʿtazilī literature on the works of Ḥasan Ḥanafī (1935–2021), Naṣr Ḥāmid Abū Zayd (1943–2010), and ʿAlī Mabrūk (1958–2016) is analysed through combining automated citation extraction, machine learning, and network modeling.

Fourth, the way classical thinkers – like Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī (d. 544/1150)– may help to counter modern claims of exclusive truth in Islamic thought is discussed while combining classical hermeneutical methods with post-metaphysical philosophical approaches.

 

Abstracts der Vorträge

Prof. Dr. Rana Alsoufi: In Pursuit of Certainty in Logic and Legal Theory:
The Case of Abū Ḥāmid al-Ghazālī (d. 505/1111)

The pursuit of certainty (yaqīn) occupies a central place in the writings of Abū Ḥāmid al-Ghazālī (505/1111). This paper examines how his works in theology, logic, and legal theory address the nature and scope of attaining certainty. It asks: What distinguishes genuine certainty from mere persuasion? Through which faculties—reason, demonstration, intuition, or revelation—does it become accessible? Can logical and dialectical methods secure certainty, or is divine illumination required? The paper further considers how the quest for certainty informs jurisprudential methodology, particularly in the use of textual evidence, analogy, and consensus. By framing al-Ghazālī’s thought around these questions, the paper highlights the tensions he identifies between rational inquiry and juristic reasoning and the strategies he employs to resolve them. It situates his reflections within the broader problem of epistemic justification in Islamic theology and shows how his search for certainty continues to shape philosophical and legal debates today.

 

Dr. Florian A. Lützen: Glaube und Wirklichkeit – Erkenntniswege in Kalam und Sufitum in der postklassischen muslimischen Gelehrsamkeit (14.–19. Jahrhundert)

Dieser Beitrag untersucht das Verhältnis von Glaube und Wirklichkeit, das heißt, die durch menschliches Handeln angestrebte Wirklichkeit, und verortet diese Frage in der Ordnung der religiösen Wissenschaften (taqsīm al-ʿulūm). Ausgangspunkt ist die dreistufige Systematik der postklassischen Gelehrsamkeit, wie sie aus dem Gabriel-Hadith abgeleitet wurde: Fiqh regelt äußere Handlungen, Kalam formuliert Glaubensnormen, Sufitum kultiviert innere Werte. Die zentrale Unterscheidung zwischen iʿtiqād (Glaubenslehre) und baḥṯ (Forschung) in dieser Systematik erlaubt es zudem, theologische Überlegungen als legitime Interpretationen im Schutzrahmen von Fiqh und Kalam zu begreifen. Historisch markieren al-Ġazālī und ar-Rāzī den Übergang zu Harmonisierungsversuchen zwischen Kalam, Philosophie und Sufitum. Ṭāškubrīzāda entwickelt im 16. Jahrhundert eine integrierende Wissenschaftsordnung, während al-Yūsī diese im 17. Jahrhundert mit Blick auf den tawḥīd radikalisiert. Aš-Šaʿrānī stellt dem eine sufische Erkenntnistheorie gegenüber. Ziel des Beitrags ist eine Taxonomie religiöser Normen, um sufische Texte und die islamische Ethik erkenntnistheoretisch einordnen zu können.

 

Muhammed Ragab, M.A.: From Textual Margins to Intellectual Center:
Tracing Muʿtazilī Traditions in Contemporary Arabic Thought using Computational Methods

Center–margin dynamics shape Islamic intellectual history through shifting relationships of authority within the tradition. While certain intellectual structures gain centrality, others are marginalized due to political, social, or epistemic factors, yet often persist through complex networks of transmission.

This paper examines the presence of Muʿtazilī traditions in contemporary Arabic thought as one such marginalized yet enduring current. It focuses on the works of Ḥasan Ḥanafī, Naṣr Ḥāmid Abū Zayd, and ʿAlī Mabrūk, analyzing a corpus of ~70 books. The three intellectuals engage Muʿtazilī thought in distinct ways, drawing on it within theological, hermeneutical, and critical debates.

The paper addresses three questions: which Muʿtazilī sources are cited, in which contexts, and for what purposes. Methodologically, it combines automated citation extraction, with computational approaches such as machine-learning-based classification, network analysis, and topic modeling to reveal patterns of engagement that often remain invisible in traditional close reading. It shows how Muʿtazilī traditions are revived as intellectual resources in contemporary Arabic discourse.

 

Dr. Kamil Öktem: Normkritik und Episteme in Bewegung:
(Dis-)Kontinuität und Integrität vormoderner Methoden in Erkenntnis- und Religionsdiskursen

Der Vortrag untersucht, wie vormoderne islamisch-theologische Diskurse zwischen Normkritik, epistemologischer Skepsis und methodischer Offenheit Räume für plurale Denkbewegungen eröffneten. Im Zentrum steht die postformative Periode des 12. und 13. Jahrhunderts, insbesondere Textkulturen, in denen sich theologische, sprachphilosophische und methodologische Reflexionen neu verschränkten. Exemplarisch zeigt sich dies bei Faḫr ad-Dīn ar-Rāzī, dessen Sprachphilosophie und Hermeneutik eine Theologie markieren, die Skepsis, Diskurspluralität und Wahrheitsanspruch verbindet. Normen erscheinen dabei nicht als starre Vorgaben, sondern als Ergebnis diskursiver Aushandlung. Diese Perspektive gewinnt besondere Aktualität angesichts gegenwärtiger Radikalisierungstendenzen unter Jugendlichen in pluralen Gesellschaften. Der Vortrag entwickelt daher ein Modell, das klassische hermeneutische Verfahren mit postmetaphysischen Ansätzen von Jürgen Habermas, Ludwig Wittgenstein und Michel Foucault verbindet und durch kognitionswissenschaftliche Perspektiven ergänzt. Ziel ist es, islamische Theologie als pluralistisches, selbstkritisches und diskursoffenes Feld sichtbar zu machen, das epistemische Offenheit als Ressource gegen Absolutheitsansprüche und Radikalisierung versteht und Perspektiven für Debatten über Wahrheit, Skepsis und religiöse Kommunikation eröffnet.

Posterbegehung bei Kaffee 15:30 bis 16:45 Uhr

In den drei zwanzigminütigen Postersessions Vielfalt in Theorie und Praxis, Ethik in Gesellschaft und Schule sowie Islam and Digital Transformation (AIWG-Forschungsgruppe Islam und Digitalität) präsentieren Early Career Researcher ihre Forschungsergebnisse und Projekte.

Die Postersession Vielfalt in Theorie und Praxis betrachtet Vielfalt in theoretischen und praktischen Kontexten. Darunter fallen Einflussfaktoren auf unterschiedliche Koranverständnisse, die munāẓara Tradition als Werkzeug einer ambiguitätstoleranten Theologie und religiöse Vielfalt in Bildungskontexten.

 

Präsentierende:

  • Déborah Kathleen Grün, Kontextuelle Einflussfaktoren auf das Koranverständnis, Islamische Theologie und ihre Didaktik, Justus-Liebig Universität Gießen
  • Dr. Serkan Ince, The Analytic Turn in Islamic Theology, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Tübingen
  • Sigrid Moser, MA, Interreligiöse Begegnung und interreligiöses Lernen durch Musik, Institut für Islamische Theologie und Religionspädagogik, Universität Innsbruck
  • Dr. Selcen Güzel, ReViLBa²: Religiöse Vielfalt gemeinsam Lernen und Leben an weiterführenden Schulen in Bayern und Baden-Württemberg, Eugen-Biser-Stiftung, München

 

Abstracts der Posterpräsentationen:

Déborah Kathleen Grün: Kontextuelle Einflussfaktoren auf das Koranverständnis

Die Posterpräsentation ist auf der Grundlage der Dissertationsarbeit mit dem derzeitigen Arbeitstitel „Kontextuelle Einflussfaktoren auf das Koranverständnis – Ein Modellversuch“ aufgebaut. Hierin werden systematisch jene Einflussfaktoren innerhalb der wissenschaftlichen Quellen zusammengetragen und systematisiert, welche sich potenziell auf das Koranverständnis des Einzelnen und mitunter des Kollektivs auswirken können. Das hieraus entstandene Modell ermöglicht es mittels verschiedener Betrachtungsebenen (Makroebene, Mesoebene und Mikroebene), einen allgemeineren Überblick über die neun entwickelten Kontexte zu erhalten sowie in zwei detaillierteren Betrachtungsschritten (Meso- und Mikroebene), selbst kleinteilige Elemente des Modells abzubilden. Dabei beinhalten die neun Kontexte sowohl Aspekte, welche das rezipierende oder den Koran betrachtende Individuum betreffen, textuelle und mündliche Merkmale die Offenbarung selbst betreffend, sprachliche, gesellschaftliche, religiöse wie auch für den Vermittlungskontext relevante Bestandteile. Das Modell soll Ansatzpunkte für anknüpfende Forschungsvorhaben ermöglichen.

 

Dr. Serkan Ince: The Analytic Turn in Islamic Theology

This poster examines how the largely neglected post-classical munāara tradition (ādāb al-bath wa-l-munāara) from the Ottoman context can serve as a methodological resource for a contemporary Islamic Analytic Theology. It argues that analytic engagement with theological arguments does not lead to uniformity, rather promotes diversity and strengthens tolerance for ambiguity. First, the theological formula „Ṣifāt Allāh lā ʿayn dhātihi wa-lā ghayr dhātihi“ from al-Samarqandī’s al-Risāla al-Sharīfa is analytically reconstructed, revealing how different positions become recognizable as epistemically legitimate alternatives through the disclosure of implicit premises. Second, the poster presents potential topics for a contemporary Islamic Analytic Theology, including divine action and the epistemological foundations of Qurʾanic interpretation, the concept of time, and the reconstruction of credal arguments in ʿaqīda literature. The poster advocates for integrating classical Islamic rationality traditions with contemporary analytic epistemology and outlines a research agenda for this emerging field.

 

Sigrid Moser, MA: Interreligiöse Begegnung und interreligiöses Lernen durch Musik

Im Kontext von interreligiöser Begegnung und Dialog wird zunehmend erkannt, dass es – neben der Arbeit mit Texten – weiterer Zugänge und Methoden bedarf, um gegenseitiges Verständnis und Lernen zu ermöglichen. Musik bietet einen kreativ-ästhetischen Ansatz, jedoch wird das Thema des gemeinsamen Musizierens als Ort interreligiöser Begegnung erst vereinzelt wissenschaftlich bearbeitet. Aus islamisch-religionspädagogischer Sicht öffnet sich hier ein interessantes Forschungsfeld. Im islamischen Kontext ist das Thema Musik zudem umstritten – die Einschätzung von Musik reicht von ihrer Anerkennung als Medium zur Annäherung an Gott bis hin zu strikter Ablehnung.

Das Erkenntnisinteresse meines Promotionsprojekts besteht darin herauszufinden, inwiefern musikalisch-interreligiöse Projekte als Orte der Begegnung und des interreligiösen Lernens fungieren können. Welche Potenziale sowie Herausforderungen diesbezüglich mit solchen Projekten verbunden sind, wird exemplarisch im Rahmen einer qualitativen Studie zu dem 2012 ins Leben gerufenen Projekt TRIMUM erforscht.
Die Studie soll Implikationen für verschiedene Lernfelder und -orte gewinnen und somit einen praxisbezogenen Beitrag zur Konzeption und Umsetzung musikalisch-interreligiöser Dialogprojekte, interreligiöser Feiern und interdisziplinärer Lernsettings im schulischen und außerschulischen Kontext leisten.

Dr. Selcen Güzel, ReViLBa²: Religiöse Vielfalt gemeinsam Lernen und Leben an weiterführenden Schulen in Bayern und Baden-Württemberg

Schule ist ein Mikrokosmos, in dem gesamtgesellschaftliche Prozesse wie Migration sowie religiöse und kulturelle Pluralisierung frühzeitig sichtbar werden. Genau hier setzt das von der Europäischen Union kofinanzierte Bildungsprojekt ReViLBa²: „Religiöse Vielfalt gemeinsam Lernen und Leben in Bayern und Baden-Württemberg“ der Eugen-Biser-Stiftung an. ReViLBa² lädt dazu ein, religiöse Vielfalt als Gestaltungsspielraum zu begreifen. Mit Projekttagen, Online-Fortbildungen, einer Grundqualifizierung für Studierende und einem bundeslandübergreifenden Peer-Learning-Netzwerk entstehen Räume für Austausch, Perspektivwechsel und praxisnahe Strategien.

Ein multireligiöses Bildungsteam – muslimisch, christlich und jüdisch – begleitet Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Studierende dabei, religionssensible Kompetenzen zu stärken, Vielfalt im Schulalltag bewusst zu gestalten und ein respektvolles, inklusives Miteinander zu fördern.

In den drei zwanzigminütigen Postersessions Vielfalt in Theorie und Praxis, Ethik in Gesellschaft und Schule sowie Islam and Digital Transformation (AIWG-Forschungsgruppe Islam und Digitalität) präsentieren Early Career Researcher ihre Forschungsergebnisse und Projekte.

In der Postersession Ethik in Gesellschaft und Schule stehen ethische Fragen im Fokus. Dies beinhaltet im gesamtgesellschaftlichen Teil einen neuen Blick auf islamische Normen im Eherecht sowie den ethischen Umgang mit künstlicher Intelligenz. Die dem Mikrokosmus Schule gewidmeten Beitrage betreffen zum einen die religiöse Selbstverortung muslimischer Schüler_innen und zum anderen das Fremdbild sunnitischer Schüler_innen von Alevit_innen.

Präsentierende:

  • Bahattin Akyol, M.A., „Recht haben oder gerecht sein“ – Eine ethische Neubetrachtung der kafāʾa (Ebenbürtigkeit) im islamischen Eherecht, Institut für Islamische Theologie, Universität Hamburg
  • Azemina Mašetić, MA, Digitale Schöpfung? Islamische Anthropologie und Verantwortungsethik im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI), Institut für Islamische Theologie und Religionspädagogik, Universität Innsbruck
  • Dr. Selcen Güzel, Potenziale des Islam-Unterrichts, Forschungsstelle für interreligiöse Bildung, Universität Augsburg
  • Dr. Erdal Kalayci, Wie wollen Alevit_innen im sunnitisch-islamischen Religionsunterricht thematisiert werden?, Fachbereich Alevitisch-Theologische Studien am Institut für Islamisch-Theologische Studien, Universität Wien

 

Abstracts der Posterpräsentationen:

Bahattin Akyol, M.A.: „Recht haben oder gerecht sein“ – Eine ethische Neubetrachtung der kafāʾa (Ebenbürtigkeit) im islamischen Eherecht

Normen entstehen stets in einem historischen und sozialen Kontext. Ihre unreflektierte Übernahme kann dazu führen, dass Recht in Unrecht mündet. Anhand eines modernen Gerichtsurteils zur kafāʾa (Ebenbürtigkeit) wird dieses Spannungsfeld verdeutlicht. Im Anschluss wird das dem Urteil zugrunde liegende Rechtsverständnis kritisch analysiert, wobei die unterschiedlichen Argumentationen der jeweiligen Rechtschulen zur kafāʾa untersucht und historisch kontextualisiert werden. Dabei wird das Bedürfnis nach einer ethischen Perspektive für ein zeitgenössisches Rechtsverständnis verdeutlicht, welches Text und Kontext gleichermaßen berücksichtigt. Abschließend sollen diese Überlegungen Impulse für ein noch wenig erforschtes Feld der „islamischen Rechtsethik“ liefern und Anstöße für weiterführende Forschung geben.

 

Azemina Mašetić, MA: Digitale Schöpfung? Islamische Anthropologie und Verantwortungsethik im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (KI)

Die Dissertation untersucht die ethischen und anthropologischen Herausforderungen, die durch die digitale Transformation und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) entstehen, aus einer islamisch-theologischen Perspektive. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie das Menschsein in ausgewählten klassischen und zeitgenössischen islamischen Quellen beschrieben wird und welche ethischen Leitlinien sich daraus für den verantwortungsvollen Umgang mit KI entwickeln lassen.
Zentrale Aspekte: Islamische Anthropologie, ethische Reflexion und digitale Transformation.

Zielsetzung: Die Arbeit zielt darauf ab, islamisch-ethische Leitprinzipien zu entwickeln, die sowohl traditionell verankert als auch zeitgemäß anschlussfähig sind. Sie soll eine fundierte islamisch-ethische Grundlage schaffen, die technologische Innovationen mit der Wahrung fundamentaler menschlicher Werte verbindet.

Methodik: Hermeneutische Analyse zentraler islamischer Quellen (Koran, Sunna, klassische Theologie). Kontextualisierung theologischer Konzepte im Hinblick auf aktuelle technologische Entwicklungen. Interdisziplinäre Verknüpfung mit Diskursen aus KI-Ethik, Technikphilosophie und Transhumanismus.

Relevanz: Die Dissertation leistet einen Beitrag zur ethischen Auseinandersetzung mit KI aus islamisch-theologischer Perspektive und bietet Alternativen zu materialistisch-reduktionistischen Ansätzen.

 

Dr. Selcen Güzel: Potenziale des Islam-Unterrichts

In den bisherigen Forschungen zum Islam-Unterricht bzw. Islamischen Religionsunterricht wurde die Perspektive der Lernenden weitgehend vernachlässigt. Vor diesem Hintergrund richtet die Studie den Fokus auf die religiösen Einstellungen und Haltungen muslimischer Kinder und Jugendlicher mit Blick auf die Potenziale dieses Unterrichtsfachs an Schulen. Analysiert wird, wie sich muslimische Schülerinnen und Schüler religiös verorten und ihr Basiswissen und ihre Reflexionsfähigkeit einschätzen. Zudem wird untersucht, inwieweit der Unterricht einen Rahmen für die lebensweltlichen Bedürfnisse der Lernenden bietet, wie sie sich kulturell-religiös verorten, mit Konfliktsituationen und Ausgrenzungserfahrungen umgehen und welche Einstellungen sie im Umgang mit Vielfalt aufweisen.

 

Dr. Erdal Kalayci: Wie wollen Alevit_innen im sunnitisch-islamischen Religionsunterricht thematisiert werden?

Die Frage, wie religiöse Minderheiten im konfessionellen Religionsunterricht dargestellt werden, ist für eine pluralistische Gesellschaft von zentraler Bedeutung. Alevit_innen bilden in Österreich und in Deutschland eine der größten muslimischen Minderheiten, werden jedoch von der sunnitischen Mehrheit entweder marginalisiert oder auf stereotype Aspekte reduziert. Diese Einstellungen färben auf den sunnitisch geprägten islamischen Religionsunterricht ab. Die Präsentation zeigt, wie Alevit_innen selbst ihre Repräsentation im sunnitisch-islamischen Religionsunterricht wünschen und welche didaktischen Konsequenzen sich daraus ergeben. Auf Grundlage von Befragungen von alevitischen Religionslehrkräften in Österreich wird herausgearbeitet, welche Narrative als problematisch empfunden werden und welche Ein- und Darstellungen für eine religionsdidaktisch angemessene Behandlung der innerislamischen Diversität als notwendig erachtet werden.

Ziel des Beitrags ist es, Vorschläge für eine religionspädagogische Praxis zu entwickeln, die Alevit_innen nicht als Randgruppe, „Häretiker“ o.Ä. sondern als Angehörige einer eigenständigen Glaubensgemeinschaft innerhalb des Islam mit spezifischer Geschichte und Theologie darstellt. Gleichzeitig soll die Anstrengung unternommen werden, einen Rahmen für eine diversitätssensible und dialogorientierte sunnitsche und alevitische Religionsdidaktik zu skizzieren, die die innerislamische Diversität sicht- und erfahrbar macht.

The session introduces research questions and findings of the AIWG research group “Islam and Digitality: Media, Materiality, Hermeneutics” that explores how normative reasoning of religious content, hermeneutic procedures, aesthetic practices, and reconstructions of history of Islam are changing due to digital transformation. The individual sub-projects examine the constitution, organisation, and dynamics of these areas in Islamic theology and Muslim religious practice.

In this poster session, early career researchers will briefly present one poster on the preliminary results of their individual sub-projects that address images of early Shi’a history in the digital space, revivalist Sunni identity on social media, Muslim memory in German-speaking social media, digital Shiʿi hadith corpora, Virtual Reality technologies and Shiʿi devotion, as well as the use of audiovisual media among Ahmadiyya Muslim Jamaat members articulating their faith.

 

Präsentierende

  • Dr. Akif Tahiiev, Images of Early Shi‘a History in the Digital Space, Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam, Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Lale Diklitaş, M.A., #womeninhistory #beyondbilal #empowerment: (Re-)Imagining Islamic History on German Instagram, Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam, Goethe-Universität Frankfurt
  • Nadeem Elias Khan, M.A., Ṣaḥāba, Saladin, Sykes-Picot. History in Revivalist Sunni Identity Formation on Social Media, AIWG, Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Jasmin Eder, M.A., Between reach and responsibility: Audiovisuality and integrity within the social media presence of the Ahmadiyya Muslim Jamaat, Seminar für Religionswissenschaft, Universität Erfurt
  • Dr. Ali Aghaei, Structuring and Analyzing Shiʿi Hadith Transmission Networks, Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin

 

Abstracts der Posterpräsentationen:

Dr. Akif Tahiiev: Images of Early Shi‘a History in the Digital Space

In discussions of Early Islamic history, events are often framed either through a Sunni lens or a generalized Muslim perspective that frequently aligns with the Sunni narrative due to their demographic predominance. This dominant framework tends to overshadow the rich diversity within Islam, marginalizing alternative perspectives on history that deviate from mainstream narratives. The advent of new technologies and the digitalization of historical discourse have shifted these debates into virtual spaces, where biases against minority interpretations persist. This poster presentations aims to showcase both digital interpretations of pivotal events in Early Islamic history from the perspective of Shi‘i actors and the strategies employed in the digitalization of these historical narratives as well as to spotlight the dynamics of underlying power relations.

 

Lale Diklitaş, M.A.: #womeninhistory #beyondbilal #empowerment: (Re-)Imagining Islamic History on German Instagram

The proliferation of social media, alongside new forms of self-presentation, led to changed relationships with time and geographies as well. In my project, I examine how German-speaking Muslim content creators on Instagram – theologians, activists and influencers – engage in practices of remembering “Islamic history”, how they construct and circulate historical knowledge, and how platform logics shape these processes. Using a netnographic and discourse-analytical approach and examining the various sources they draw upon, I analyze how their narratives are embedded into global social media cultures. I argue that Muslim content creators position themselves both within a transcultural context and as a minority in Germany. Within this context, narratives of Islamic history are integrated in broader debates surrounding identity, racism, gender equality, or mental health. Instagram functions as an interdiscursive space where personal and collective memories merge, with crucial implications for knowledge production in Islamic contexts. As authenticity and performativity gain relevancy, traditional notions of what makes history “Islamic” are questioned.

 

Nadeem Elias Khan, M.A.: Ṣaḥāba, Saladin, Sykes-Picot. History in Revivalist Sunni Identity Formation on Social Media

This poster highlights how history and stories are used by revivalist Sunni actors on social media to construct in-groups and out-groups. As part of a discourse analysis of selected revivalist actors on social media platforms, historical figures and events that serve as either exemplary or reprehensible are identified. The poster focuses on the era of the Prophet Muḥammad’s companions, the Crusades, and late colonial history. I furthermore discuss how these historical narratives contribute to identity formation through connecting narratives to the present via content and media.

 

Jasmin Eder, M.A.: Between reach and responsibility: Audiovisuality and integrity within the social media presence of the Ahmadiyya Muslim Jamaat

The poster focuses on the users’ perspective on social media and the opportunities and limitations they see in social media for the transmission of their religious messages.

As part of an ongoing study, fifteen members of the Ahmadiyya Muslim Jamaat were interviewed about their use of social media. The data shows that they have nuanced understandings of audiovisuality on social media: They know how audiovisual elements form the contents and the messages to be transmitted and determine their reach. However, the interviewees make clear that audiovisuality on social media does not always align with the values and norms of Ahmadi Muslims and needs to be weighed in relation to Islamic integrity.

The paper shows how Ahmadi-Muslim social media creators balance their use of audiovisual elements carefully to convey their religious messages successfully to the respective target groups, but without abandoning their (religious) values.

 

Dr. Ali Aghaei: Structuring and Analyzing Shiʿi Hadith Transmission Networks

This poster explores the impact of digital technologies on the compilation, transmission, and reception of Hadith, with a special focus on the Shiʿi tradition. It centers on the analysis of digital Hadith databases and the development of a methodological framework that combines classical philological methods with digital techniques such as named entity recognition, network analysis, and text mining.

The research project includes two case studies: the Ṣaīfat al-Riā, a cross-sectarian collection of hadiths attributed to the ʿAlī b. Mūsā al-Riḍā and well-received in Twelver, Zaydī, and Sunni traditions; and the theological concept of ʿadad al-aʾimma (the number of imams), developed in early Shiʿism with notable parallels in Sunni thought. These examples allow the project to examine both intra- and inter-sectarian dynamics and to test the capacities of digital methods in Hadith studies. In this way, the project not only contributes concrete case studies on Shiʿi and Sunni sources, but also advances a methodological reflection on digital Hadith scholarship.

Paralleles Programm #3, 16:45 bis 18:15

Session Lebenswelten/Roundtable (AIWG Research Group)

Participants:

  • Prof. Dr. Armina Omerika (Leitung), Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam, Goethe-Universität Frankfurt
  • Prof. Dr. Christoph Günther, Heisenberg-Professur für Religionswissenschaft mit Schwerpunkt Religiöse Medienpraktiken, Universität Erfurt
  • Prof. Dr. Mohammad Gharaibeh, Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Dr. Fouad Gehad Marei, Universität Erfurt

 

Abstract:

“God’s Influencers: How Social Media Users Shape Religion and Pious Self-Fashioning”, a special thematic issue of the Journal of Religion, Media and Digital Culture (Vol. 13:2), sheds new light on how the media practices of celebrity and non-celebrity religious social media users are shifting the epistemic focus of religious knowledge production and dissemination. It shows how, by imparting religious knowledge through digital content that reflects relatability, digestibility and “authentic” trueness to oneself primarily, sources of Scripture, hallmark beliefs of religion, and conventional religious epistemologies are becoming secondary. This subjective turn is transforming – but not necessarily challenging – religious orthopraxies and relations of epistemic authority. God’s Influencers also posits that by fragmenting and dis-embedding religious knowledge, pious education, proselytization and influence are becoming increasingly unsystematic, subjugated not to traditional religious genealogies of knowledge production and transmission, but to the algorithmic logics, attention economies and bricolage nature of late-modern and digital cultures.

Dr. Fouad Gehad Marei will discuss these findings with Prof. Armina Omerika, Prof. Mohammad Ghareibeh, and Prof. Christoph Günther against the background of their ongoing work in the AIWG research group Islam and Digitality: Media, Materiality, Hermeneutics.

Sektion Lebenswelten/Panel

 

Moderation: 

  • Leonie Stenske, M.A., Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin

Beitragende:

  • Dr. Ayşe Almıla Akca (Leitung), Alltagspraxis als theologische Quelle – Perspektiven aus der „empirischen Theologie“, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Münster
  • Prof. Dr. Hansjörg Schmid, Wie empirische Erkenntnisse theologisch zu denken geben – Potenziale und Grenzen einer gelebten islamischen Sozialethik, Schweizerischer Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG), Universität Fribourg
  • Prof. Dr. Asmaa El Maaroufi, Befreiung als Schnittstelle von Empirie und Normativität – islamisch-theologische Perspektiven, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Münster

 

Panelbeschreibung:

Unter den Schlagworten empirische Theologie oder gelebte Theologie sind derzeit vielfältige Ansätze zu ersehen, die den Vollzug religiösen Lebens nicht nur als Gegenstand, sondern auch als konstitutiven Ort theologischer Reflexion wahrnehmen. Diese Zugänge betonen, dass Theologie nicht allein aus der Arbeit am Text oder aus systematisch-normativen Reflexionen hervorgeht, sondern auch aus der Beobachtung, Beschreibung und Interpretation gelebter Alltagspraxis sowie ihrer Integration in das theologische Denken. Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der systematischen Normdiskussion hin zu einer kontextsensiblen Theologie, die ihre Erkenntnisse wesentlich „aus der Praxis“ gewinnt. Zugleich fordert dies die normative Grundstruktur der Theologie, aber auch ihre gesellschaftliche Verortung heraus.

Die Beiträge des Panels diskutieren anhand von empirischen Fallbeispielen und wissenschaftstheoretischen Überlegungen, inwiefern sich aus der Praxis neue Perspektiven für die systematische Reflexion ergeben. Im Panel werden diese in den größeren Zusammenhang von methodisch-theoretischen Profilen der Theologie, Gesellschaft und Kontextbezogenheit gestellt. Dabei geht es um folgende Fragen: Inwiefern ist die Alltagspraxis theologisch relevant? Wie wirkt sich die Einbeziehung empirischer Methoden und Erkenntnisse auf das Profil und Selbstverständnis islamischer Theologie aus? Wie lassen sich normative theologische Perspektiven in der Begegnung mit empirischen Kontexten konkretisieren?

 

Abstracts der Vorträge:

 

Ayşe Almıla Akca: Alltagspraxis als theologische Quelle – Perspektiven aus der „empirischen Theologie“

Aus einer praktisch-theologischen Perspektive diskutiert dieser Beitrag anhand eines empirischen Beispiels aus dem Bereich der religiösen Führung, wie sich das Interpretieren der religiösen Lebensvollzüge von Gläubigen und theologische Normbildung zueinander verhalten. Ausgangspunkt ist, dass die Familie der empirischen Theologien („gelebte Theologie“, „ethnographische Theologie“ u.a.) die religiösen Lebensvollzüge und Glaubenserfahrungen von Menschen als theologische Quellen ernst nimmt und daraus theologische Einsichten gewinnt. Konzeptionell setzt der Vortrag daher bei der Frage nach sozialer Situiertheit jeglichen theologischen Denkens an und reflektiert, welche Relevanz die in spezifischen sozio-kulturellen Milieus ausgebildeten lokalen theologischen Praxen („Alltagstheologie“) für theologisch-normative Überlegungen haben. Es wird aufgezeigt, dass damit nicht nur die Schrift- und Traditionsreflexion herausgefordert wird, sondern insbesondere auch die religiösen Sinngebungsprozesse von Akteur:innen mit der Frage nach dem Wie der Kontextsensibilität und der gesellschaftlichen Verortung von Theologie verbunden werden. Der Vortrag versteht sich als Beitrag zur produktiven Verbindung von empirischer Wirklichkeit, Kontextsensibilität, Normativität und Reflexivität, auf der die Theologie ihre Relevanz begründet.

 

Hansjörg Schmid: Wie empirische Erkenntnisse theologisch zu denken geben – Potenziale und Grenzen einer gelebten islamischen Sozialethik

Islamische Sozialethik bezieht sich auf das menschliche Zusammenleben und seine normativen Grundlagen. Neben der theologisch-sozialethischen Reflexion spielt dabei die empirische Wahrnehmung und Erschließung von gesellschaftlichen Praxisfeldern eine zentrale Rolle. Anhand eines empirischen Beispiels im Bereich der sozialen Partizipation wird in diesem Beitrag gezeigt, welche neuen Perspektiven sich aus der Erschließung von Praxis ergeben. Während einerseits der starke Einfluss von dominanten gesellschaftlichen Diskursen und institutionellen Regelungen deutlich wird, verfügen die Akteur_innen der Praxis gleichwohl über einen kreativen Handlungsspielraum. Konzeptionell wird dabei an neuere Entwürfe einer «zweiten Generation» (Iskander Abbasi) islamischer Befreiungstheologie angeknüpft, die den Fokus auf eine sozialkritische und protestorientierte Partizipation angesichts von multiplen Machtstrukturen legen. Eine «gelebte Sozialethik» nutzt Erfahrungen von Akteur_innen und ihrer Interaktionen, bleibt aber stark fallbezogen und kontextuell gebunden. Mittels eines „contrapuntal reading“ (Edward Said) lassen sich jedoch auch alternative Narrative und Positionierungen erschließen. Eine gelebte islamische Sozialethik trägt so zu einer kontext- und praxisbezogenen Ausrichtung islamisch-theologischer Studien bei.

 

Asmaa El-Maaroufi: Befreiung als Schnittstelle von Empirie und Normativität – islamisch-theologische Perspektiven

Am Beispiel befreiungstheologischer Ansätze zeigt dieser Vortrag, dass Normativität im Kontext islamisch-theologischer Ethik nicht (ausschließlich) jenseits der Erfahrung, sondern in Auseinandersetzung mit ihr profiliert werden kann.

Befreiungstheologien haben darauf hingewiesen, dass Erfahrungen von Verwundbarkeit, Marginalisierung und Ungerechtigkeit nicht nur Gegenstände theologischer Analyse sind, sondern konstitutive Bezugspunkte für ethische Orientierung. Dieser Gedanke eröffnet für die Islamische Ethik die Möglichkeit, ethisch(-normative) Kategorien wie Verantwortung, Gerechtigkeit und Relationalität nicht abstrakt zu formulieren, sondern sie im Rückbezug auf konkrete Lebenswirklichkeiten kritisch zu schärfen. Im Zentrum des Vortrags steht daher die theologisch-ethische Reflexion: Wie können Erfahrungen der Realität als Resonanzräume verstanden werden, in denen sich Normativität bewährt und neu konturiert?

Der Beitrag skizziert auf dieser Grundlage eine islamisch-theologische Befreiungsethik, die normative Orientierung nicht unabhängig von Erfahrung setzt, sondern im Dialog mit ihr entfaltet. Damit verbindet er die Debatte um empirische Theologie mit der Frage nach der Profilierung Islamischer Ethik und macht sichtbar, wie sich ihre normative Stimme in konkreten gesellschaftlichen Kontexten artikulieren kann.

Sektion Text und Norm/Panel

 

Beitragende: 

  • Prof. Dr. Doris Decker (Leitung), Zum kritischen Potential von Kontextualisierungen religionsgeschichtlicher Textquellen, Religionswissenschaftliches Seminar, Universität Zürich
  • Dr. Yasmin Amin, Den Mantel des Propheten schwenken – Reise des Hadith al-Kisa‘, erzählt von Umm Salamah über sechs Jahrhunderte, Orient-Institut-Beirut (OIB), Zweigstelle Kairo
  • Prof. Dr. Dina El Omari, Das Spannungsverhältnis zwischen einer historisch-kontextualisierenden und einer wörtlichen Lesart des Koran in der Ableitung von Normen, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Münster

 

Panelbeschreibung:

Religiöse Normen strukturieren in vielen Gesellschaften das Verhältnis von Individuen zur Gemeinschaft, zu Autoritäten und zu sich selbst. Sie prägen Vorstellungen von Moral, Körper, Geschlecht und Ordnung – oft als scheinbar zeitlose Wahrheiten. Doch wie entstehen Normen? Welche historischen, kulturellen und politischen Kontexte fließen in ihre Formulierung ein? Wie lassen sich normative Ordnungen kritisch befragen? Diesen Fragen wird im Panel unter dem Leitbegriff der Kontextualisierung nachgegangen. Im Zentrum steht die These, dass religiöse Normierungen nicht unabhängig ihrer sprachlichen, sozialen und historischen Einbettung zu verstehen sind. Vielmehr werden sie in spezifischen Situationen erzeugt, tradiert und umgedeutet. Ziel ist es, Kontextualisierung als einen analytischen Zugang, als ein kritisches Instrument zur Dekonstruktion von Geltungsansprüchen vorzustellen: Denn sie kann aufzeigen, dass religiöse Normen nicht außerhalb gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse stehen, sondern Ergebnisse dynamischer Diskurse sind. Die Panelbeiträge setzen sich mit unterschiedlichen religiösen Traditionen, Texten und Praktiken auseinander und zielen darauf ab, die Mechanismen normativer Geltung sichtbar zu machen. Im Fokus stehen dabei weniger die Inhalte religiöser Normen, als die Prozesse ihrer Entstehung, Stabilisierung und Legitimierung – und ihre Infragestellung mittels Kontextualisierung.

 

Abstracts der Vorträge:

Dr. Yasmin Amin: Den Mantel des Propheten schwenken – Reise des Hadith al-Kisa‘, erzählt von Umm Salamah über sechs Jahrhunderte

Hadith-Sammlungen haben eine komplexe Entwicklung durchlaufen. Jede dieser Sammlungen spiegelt die unterschiedlichen Entscheidungen und Methoden ihrer Verfasser wider. Diese Studie untersucht ein Ḥadith von Umm Salamah. 135 sunnitische Versionen werden untersucht. Die früheste Version von ʿAffān b. Muslim (gest. 219/834) und die späteste von Ibn Haǧar al-ʿAsqalānī (gest. 852/1449) umfassen fast sechs Jahrhunderte. Die verschiedenen Versionen zeigen sieben unterschiedliche Handlungsstränge, erhebliche Unterschiede im Detail aber auch konstante Merkmale. Diese Studie versucht, mehrere Fragen zu beantworten: Warum gibt es so viele verschiedene Versionen einer einzigen Person? Warum wurden die Hadithe manipuliert? Verfolgen die Verfasser von Hadith-Sammlungen bestimmte Ziele? Sind die Unterschiede lediglich dramaturgische Mittel? Sind historische, kulturelle, politische und ideologische Kontexte in die Formulierungen eingeflossen? Ziel des Vortrags ist es, die vielschichtigen methodologischen Werkzeuge und Entscheidungen der klassischen Gelehrten hervorzuheben und zu zeigen, dass selbst Hadith-Sammlungen dynamische Produkte vielschichtiger Verhandlungsprozesse sind, die einen kontextsensitiven Ansatz erfordern.

 

Prof. Dr. Dina El Omari: Das Spannungsverhältnis zwischen einer historisch-kontextualisierenden und einer wörtlichen Lesart des Koran in der Ableitung von Normen

2014 etablierte Tunesien ein demokratisch legitimiertes, säkulares Verfassungssystem, in dem der Islam nicht mehr als Rechtsquelle, sondern lediglich als Staatsreligion fungiert. Dadurch stehen Grundrechte nicht unter dem Vorbehalt einer islamkonformen Auslegung. Zu diesen Grundrechten zählt die Gleichstellung der Geschlechter, weshalb diskriminierende Gesetze reformiert werden sollten, etwa im Erbrecht und beim Recht auf interreligiöse Ehe. Diese Reformen, die Präsident Beji Caid Essebsi 2017 ankündigte, stießen auf geteilte Reaktionen. Konservative Akteure sowie die ägyptische al-Azhar-Institution kritisierten sie als Verstoß gegen den Wortlaut des Korans. Demgegenüber unterstützte der tunesische Großmufti Othman Battikh die Reformen und begründete sie mit dem im Koran angelegten Prinzip der Gleichstellung von Männern und Frauen. Die Debatte verdeutlicht das Spannungsfeld zwischen einer wörtlichen und einer historisch-kontextualisierenden Koranauslegung bei der Ableitung islamrechtlicher Normen. Der Vortrag soll dieses Spannungsverhältnis genauer durchleuchten und dabei insbesondere den Fokus auf aktuelle Reformversuche von Gesetzen in Tunesien sowie deren kontroverse Diskussionen setzen.

 

Prof. Dr. Doris Decker: Zum kritischen Potential von Kontextualisierungen religionsgeschichtlicher Textquellen

Im Vortrag werden die Bedeutung und Methodik von Kontextualisierung in der kulturwissenschaftlichen Analyse und Interpretation religionsgeschichtlicher Texte thematisiert. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass solche Texte keine neutralen Abbilder historischer Realität darstellen, sondern in kulturellen, sprachlichen und ideologischen Prozessen entstanden sind – und häufig von späteren Generationen überformt und idealisiert wurden. Kontextualisierung wird als Analyseinstrument verstanden, mittels dessen die Bedeutung eines Textes erst im Zusammenspiel mit seinem sprachlichen, kulturellen und sozialen Umfeld erschlossen werden kann. Dies geschieht über den Vergleich mit anderen Texten oder mit materiellen, historischen und gesellschaftlichen Bedingungen. Anhand zweier Beispiele wird gezeigt, wie Narrative von theologischen Debatten, gesellschaftlichen Veränderungen und regionalen Machtverschiebungen bedingt werden. Dabei wird auch die Rolle der Forschenden und deren Standortgebundenheit reflektiert, denn die Auswahl von Kontexten ist selbst kontextabhängig. Kontextualisierung offenbart so die Konstruiertheit von Texten und kann eingesetzt werden, um ideologischen Verfestigungen entgegenzuwirken – etwa dort, wo religiöse Überlieferungen normative Geltung beanspruchen.

Sektion Islamische Theologie und Religionspädagogik/Studiensession

 

Beitragende:

  • Prof. Dr. Fahimah Ulfat, Dr. Erkan Binici und Canan Balaban, M.A., Deutungskompetenzen im Umgang mit dem Koran. Studie zur Professionalität der Lehrkräfte des Islamischen Religionsunterrichts, Zentrum für Islamische Theologie (ZIT), Universität Münster
  • Ass. Prof. Dr. Tuğrul Kurt (Leitung), Digitale Autorität im Flow: Selbstinszenierung und religiöse Deutungsmacht auf Social Media, Institut für Islamisch-Theologische Studien, Universität Wien
  • Dr. Asligül Aysel, Islamisch-theologische Zentren und Professionalisierung islamisch-religiöser Bildung, Insitut für Islamische Theologie und Religionspädagogik, Universität Innsbruck

 

Beschreibung:

Die Studiensession dient der Ergebnisvorstellung dreier empirischer Studien, die verschiedene Aspekte der Professionalisierung islamisch-theologischer Bildung und religiöser Autoritätsbildung im digitalen Raum beleuchten.

Die empirische Untersuchung von Asligül Aysel widmet sich der Analyse von Professionalisierungsprozessen an islamisch-theologischen Zentren deutscher Universitäten. Aufbauend auf qualitativen Erhebungen und einer quantitativen Studierendenbefragung werden die Ergebnisse der Studie diskutiert.

Das Projekt QuPIRU von Fahimah Ulfat richtet den Blick auf die professionellen Deutungskompetenzen von Lehrkräften des islamischen Religionsunterrichts im Umgang mit dem Koran und identifiziert daraus sowohl Stärken als auch Leerstellen der universitären Lehrerbildung.

Die Studie von Tuğrul Kurt analysiert digitale Autoritätsökologien auf Social Media und bezieht dabei Prediger_innen, Follower, Kommentarpraktiken und algorithmische Resonanzräume gleichermaßen in die Analyse mit ein. Auf dieser Grundlage werden Muster religiöser Autoritätsbildung und Geschlechternormen im digitalen Raum systematisch rekonstruiert.

Jede Studie wird in einer 15–20-minütigen Präsentation vorgestellt, gefolgt von einer 10-minütigen Diskussion.

 

Abstracts der Vorträge:

Dr. Asligül Aysel: Islamisch-theologische Zentren und Professionalisierung islamisch-religiöser Bildung

Mit der Einrichtung islamisch-theologischer Zentren an deutschen Universitäten ab 2010 verband sich die Erwartung, islamisch-religiöse Bildungsaufgaben wissenschaftlich zu fundieren und neue Formen professionellen Handelns zu ermöglichen. Der Vortrag stellt Ergebnisse der DFG-geförderten Studie „Islamische Theologie an deutschen Universitäten. Eine Studie zum islamisch-religiösen Expertentum in Deutschland“ vor, die von Oktober 2018 bis März 2021 unter der Leitung von Prof. Dr. Levent Tezcan an der Universität Münster im Kontext des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ durchgeführt wurde. Die Forschungsfrage ist, wie sich Professionalisierungsprozesse an der Schnittstelle von akademischer Wissensproduktion, religiöser Autoritätsbildung und politisch-gesellschaftlicher Steuerung ausgestalten. Untersucht wurden die Standorte Tübingen, Frankfurt a. M., Münster/Osnabrück und Erlangen auf Basis qualitativer Erhebungen sowie einer quantitativen Studierendenbefragung. Die Befunde verweisen auf unterschiedliche institutionelle Profilierungen, auf Spannungen im Verhältnis von Universität, Beiräten und Verbänden sowie auf eine ausgeprägte wissenschaftliche Reflexivität der Studierenden bei zugleich bestehenden Unsicherheiten hinsichtlich Anerkennung und beruflicher Anschlussfähigkeit.

 

Prof. Dr. Fahimah Ulfat, Dr. Erkan Binici, Canan Balaban, M.A.: Deutungskompetenzen im Umgang mit dem Koran. Studie zur Professionalität der Lehrkräfte des Islamischen Religionsunterrichts

Das Projekt QuPIRU – Qualitätssicherung und Professionalität der Lehrkräfte des islamischen Religionsunterrichts (2021–2025) der Islamisch-Religionspädagogischen Forschungsstelle (IRF) um Prof.in Dr. Fahimah Ulfat untersucht die professionellen Deutungskompetenzen von Lehrkräften des Islamischen Religionsunterrichts im Umgang mit dem Koran. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Deutungskompetenz zwar als zentrale Schlüsselkompetenz religiöser Bildung gilt, bislang jedoch weder theoretisch präzise gefasst noch empirisch systematisch untersucht wurde. Leitend ist die Frage, welches Fachwissen und fachdidaktisches Wissen Lehrkräfte bei der Deutung koranischer Texte aufweisen und wie sie bei der Deutung des Koran im Unterricht vorgehen.
Im Rahmen der Studie mit quantitativen und qualitativen Anteilen wurden mithilfe eines eigens entwickelten Testinstruments Lehrkräfte aus verschiedenen Bundesländern befragt. Ziel des Projekts war es, das professionsbezogene Wissen der Lehrkräfte empirisch zu erfassen, um auf dieser Grundlage bestehende Stärken und Leerstellen der universitären Lehrer_innenbildung zu identifizieren und damit zur Qualitätssicherung des islamischen Religionsunterrichts beizutragen.

 

Ass. Prof. Dr. Tuğrul Kurt: Digitale Autorität im Flow: Selbstinszenierung und religiöse Deutungsmacht auf Social Media

Der Vortrag präsentiert ein neues, in Österreich durchgeführtes Anschlussprojekt, das auf den Ergebnissen der Studie „Weiblichkeitsentwürfe im religiösen Online-Diskurs: Digitale Prediger_innen als Akteur_innen der Geschlechtervermittlung“ aufbaut. Diese für den Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) realisierte Untersuchung analysierte diskursanalytisch, wie digitale Prediger_innen über Sprache, visuelle Inszenierung und affektive Ansprache religiöse Autorität und geschlechterbezogene Normen herstellen.
Das aktuelle Projekt erweitert diesen Ansatz zu einer breit angelegten Analyse digitaler Autoritätsökologien, in der nicht nur Prediger_innen, sondern auch Follower, Kommentarpraktiken und algorithmisch verstärkte Resonanzräume systematisch einbezogen werden. Mithilfe eines differenzierten diskursanalytischen Rasters werden wiederkehrende Muster religiöser Autorisierung, Vergemeinschaftung und normativer Schließung rekonstruiert und in einer Typologie digitaler Autoritäts- und Geschlechternarrative zusammengeführt.
Die Ergebnisse werden im Rahmen einer institutionell breit vernetzten Kooperation zwischen Universität, staatlichen Einrichtungen, Politik und Sicherheitsbehörden präventiv weiterentwickelt und für islamische Religionspädagogik, theologische Bildung und Präventionsarbeit nutzbar gemacht.

18:15 bis 19:00

DEGITS-Sitzung

 

18:15 bis 20:00

Abendessen

20:00 bis 21:30

Abendprogramm

Samstag, 13. Juni 2026

 

9:00 bis 09:20 Uhr

Anmeldung und Begrüßungskaffee

Paralleles Programm #4, 9:30 bis 11:00 Uhr

Sektion Islamische Theologie und Religionspädagogik/Panel

 

Moderation:

  • Prof. Dr. Rana Alsoufi, Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam, Goethe-Universität Frankfurt

 

Beitragende:

  • Prof. Dr. Mira Sievers (Leitung), Universalism and the Limits of Command: Reading the Qurʾānic Narrative of Abraham’s Sacrifice (Q 37:99–107) in Dialogue with Omri Boehm, Institut für Islamische Theologie, Universität Hamburg
  • Prof. Dr. Tobias Specker SJ (Leitung), Universalität ist ein Tätigkeitswort. Der Beitrag des islamischen Philosophen Souleymane Bashir Diagne zur Frage nach religiösen Ressourcen im Umgang mit der Krise des Universalismus, Katholische Theologie im Angesicht des Islam, PTH Sankt Georgen
  • Prof. Dr. Michal Bar-Asher Siegal, Universalism in the Babylonian Talmud and Early Christianity, Goldstein-Goren Center for Jewish Thought, Ben-Gurion University of the Negev

 

Panelbeschreibung:

Universalistische Ideale wie Gleichheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde prägen das Selbstverständnis moderner Gesellschaften. Zugleich wird Universalismus zunehmend als krisenhaft wahrgenommen: politische Polarisierung, die Delegitimierung internationaler Institutionen wie der UN und gesellschaftliche Fragmentierung stellen die Geltung universeller Ansprüche infrage. Vor diesem Hintergrund fragt das Panel nach religiösen Ressourcen, die Judentum, Christentum und Islam für ein erneuertes Verständnis von Universalismus erschließen können. In intertheologischer Perspektive bringen die Beiträge textnahe, historische und normative Zugänge aus jüdischen, christlichen und islamischen Traditionen miteinander ins Gespräch; zeitgenössische philosophische Entwürfe, etwa von Souleymane Bashir Diagne und Omri Boehm, dienen dabei als dialogische Bezugspunkte einzelner Beiträge. Die Beiträge reichen von vormodernen Quellen wie dem Babylonischen Talmud und frühchristlichen Texten bis zu gegenwärtigen theologischen Debatten. Universalismus erscheint dabei nicht als abstraktes Prinzip, sondern als Ergebnis interpretativer Praktiken, ethischer Reflexion und konkreter Normbildungsprozesse innerhalb partikularer Traditionen. Das Panel versteht sich als interreligiöser Resonanzraum. Universalismus wird nicht harmonisierend, sondern in der Spannung zwischen partikularen Traditionen, konkreten Praktiken und universellen Ansprüchen neu gedacht.

 

Abstracts der Beiträge:

Prof. Dr. Michal Bar-Asher Siegal: Universalism in the Babylonian Talmud and Early Christianity

This lecture examines the Babylonian Talmud’s notions of universalism within a legal, narrative, and theological framework, and places these notions in dialogue with contemporaneous Christian literature. The lecture argues that the rabbis developed a complex and nuanced language of universality of their own, and it emerges through interpretive practices, narrative figures, and concrete legal discussions. Through close readings of selected Talmudic passages alongside texts from the patristic writings, the lecture traces a range of positions concerning humanity at large, and the status of non-Jews. The comparison does not seek to demonstrate direct influence, but rather to illuminate shared intellectual horizons and divergent, sometimes competing, ways of conceptualizing the universal within a common Late Antique cultural space.

The lecture ultimately suggests that rabbinic engagements with the universal are integral to the formation of rabbinic Jewish identity, and that attending to them oGers offers a richer understanding of Jewish–Christian relations and of broader Late Antique debates.

 

Prof. Dr. Tobias Specker SJ: Universalität ist ein Tätigkeitswort. Der Beitrag des islamischen Philosophen Souleymane Bashir Diagne zur Frage nach religiösen Ressourcen im Umgang mit der Krise des Universalismus

Universalistische Ideale wie Menschenwürde, Gleichheit und Gerechtigkeit stehen heute unter massivem Druck: globale Konflikte, politische Polarisierung und identitäre Bewegungen stellen die Tragfähigkeit universeller Ansprüche infrage. Der Beitrag greift diese Krise ausgehend von der politischen Philosophie des senegalesisch-islamischen Philosophen Souleymane Bashir Diagne (geb. 1955) auf, der Universalismus weder als abstraktes Prinzip noch als westliches Exportmodell versteht, sondern als offene Praxis, die immer neu „erfunden“ werden muss. Diagne verbindet postkoloniale Kritik mit einem entschieden humanistischen Universalismus. Seine Diagnose richtet sich gegen eine „imperiale Universalität“, in der ein partikulares Kulturmodell als Maßstab des Menschlichen gesetzt wird. Dem setzt er die Idee der Dezentrierung entgegen: Universalismus kann nur dann glaubwürdig sein, wenn er die Vielfalt von Sprachen, Kulturen und religiösen Traditionen nicht nivelliert, sondern als Bedingung einer „geteilten Menschheit“ ernst nimmt.

Ein Schlüsselbegriff ist für Diagne die Übersetzung: Universalisieren heißt übersetzen – als ethische Praxis der Gastfreundschaft, der Anerkennung von Differenz und der kreativen Vermittlung zwischen Lebenswelten. In dieser Perspektive werden religiöse Traditionen nicht primär als Identitätsmarker verstanden, sondern als mögliche Ressourcen für eine Universalität, die sich im Dialog, in wechselseitiger Befragung und in der Fähigkeit zur Selbstrelativierung bildet. Der Beitrag skizziert Diagnes universalistische Vision als Alternative sowohl zu hegemonialen Universalismen als auch zu neuen Tribalismen – und zeigt, wie sein Denken ein interreligiöses Gespräch darüber eröffnet, wie Universalismus in der Krise neu gedacht werden kann.

 

Prof. Dr. Mira Sievers: Universalism and the Limits of Command: Reading the Qurʾānic Narrative of Abraham’s Sacrifice (Q 37:99–107) in Dialogue with Omri Boehm

This paper examines the Qurʾānic narrative of Abraham’s sacrifice (Q 37:99–107) as a critical site for articulating an Islamic approach to universalism. In dialogue with Omri Boehm’s ethical reading of the Akedah as a moment in which moral justice ultimately transcends divine command, the paper argues that the Qurʾān locates the ethical tension elsewhere: not between God and morality, but between revelation and its human translation into normative claims.

Through close textual analysis and historical-critical observations, the paper highlights the Qurʾān’s emphasis on vision rather than explicit command, the elliptical structure of the early narrative, and the role of human norm-making—most notably through the son’s normative articulation of obligation. Engaging classical Islamic theology, the paper shows that Islamic universalism does not rely on resisting God “for the sake of morality.” Instead, it emerges through ethical responsibility in interpretation, where divine revelation is not equated with immediate juridical command. Reading the Qurʾānic narrative of Abraham’s sacrifice in this way oGers an Islamic contribution to contemporary debates on universalism, moral authority, and the limits of obedience.

Sektion Lebenswelten/Workshop

 

Beitragende:

  • OStRin Havva Doksar, M. Ed. (Leitung und Moderation Diskussionsgruppe), Kulturelle und religiöse Einflussfaktoren in der gynäkologischen Versorgung muslimischer Frauen, Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft, Ludwig-Maximilians-Universität-München
  • Dr. Hadil Lababidi (Moderation Diskussionsgruppe), Institut für Sozialethik Universität Zürich
  • Dr. Hatun Karakaş, Zwischen Versorgungspraxis und strukturellen Barrieren: Herausforderungen im Gesundheitswesen für muslimische Frauen, Fachärztin für Innere Medizin
  • Prof. Dr. Markus Gloe, Gender Politics – Women´s Empowerment, Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft, Ludwig-Maximilians-Universität München
  • Prof. Dr. Ernst Rainer Weissenbacher, Gynäkologische und frauenheilkundliche Versorgung muslimischer Frauen,Premium Medizin

 

Beschreibung:

Der Workshop widmet sich der interdisziplinären Analyse von Empowerment und Selbstbestimmung muslimischer Frauen in der medizinischen Versorgung. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass gleichberechtigte Teilhabe und Autonomie zentrale Voraussetzungen für eine inklusive, demokratische und diversitätssensible Gesellschaft darstellen. Im Fokus steht die Übertragung des Empowerment-Konzepts – verstanden als strukturelle, kulturelle und individuelle Stärkung von Handlungsspielräumen – auf den gesundheitlichen Kontext. Ziel ist es, Bedingungen zu identifizieren, unter denen muslimische Patientinnen eigenverantwortliche Entscheidungen in Diagnostik, Therapie und Prävention treffen können, ohne dass religiöse und kulturelle Werte marginalisiert werden.

Der Workshop fördert den Dialog zwischen Medizin, Politikwissenschaft und Islamwissenschaft, um strukturelle Barrieren, interkulturelle Spannungsfelder und Chancen kultursensibler Versorgung zu beleuchten. Durch die Verbindung theoretischer Reflexion mit praxisorientierten Ansätzen werden Impulse für Forschung, Lehre und klinische Praxis entwickelt, die zur Stärkung der Patientinnenautonomie und zur institutionellen Verankerung von Diversität beitragen. Damit leistet der Workshop einen Beitrag zu einer inklusiven, partizipativen und zukunftsorientierten Gesundheits- und Wissenschaftspraxis.

Sektion Lebenswelten/Panel

 

Beitragende:

  • Dr. Said Topalovic (Leitung), „Die meiste Zeit bin ich auf Social-Media“ – Empirische Einblicke in die Social-Media-Aktivitäten muslimischer Jugendlicher, Department Islamisch-Religiöse Studien (DIRS), Friedrich Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • Rosa Lütge, M.A., Believe and stay positive! – Diskursive Verschränkungen von Neoliberalismus und Religion in muslimischen Online-Magazinen, Institut für Religionswissenschaft und Religionspädagogik, Universität Bremen
  • Dr. Erkan Binici, „Muslimische Influencer_innen“– Empirische Befunde zu einem Containerbegriff aus Sicht Jugendlicher, Zentrum für Islamische Theologie (ZIT), Universität Münster

 

Panelbeschreibung:

Aktuelle Studien weisen Social-Media-Plattformen als zentrale digitale Handlungsräume Jugendlicher aus. Sie dienen nicht nur der Kommunikation, sozialen Vernetzung und Partizipation, sondern auch als Orte ästhetischer, affektiver und symbolischer Erfahrung. Empirische Befunde aus dem deutschsprachigen Raum zeigen, dass muslimische Jugendliche Social Media gezielt für die Auseinandersetzung mit der Religion nutzen. In der Interaktion mit unterschiedlichen Angeboten gestalten sie soziale Beziehungen und entwickeln sinn- und identitätsstiftende religiöse Orientierungen. Die Influencer_innen treten dabei nicht nur als Unterhaltungs-, sondern zunehmend als religiöse und moralische Orientierungsfiguren auf, die normative, ethische, gesellschaftspolitische und theologische Fragen thematisieren. Dadurch prägen sie Prozesse der Aushandlung von Identität, individueller Religiosität sowie der Selbst- und Weltdeutung muslimischer Jugendlicher. Vor diesem Hintergrund widmet sich das geplante Panel empirischen Analysen religionsbezogener Social-Media-Nutzungen, diskursiver Praktiken und religiöser Orientierungsprozesse. Zugleich werden religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Implikationen dieser digitalen Räume kritisch diskutiert. Die Beiträge verbinden religionspädagogische und religionswissenschaftliche Perspektiven und eröffnen einen interdisziplinären Dialog über Social Media als Räume religiöser Sinnsuche und Orientierung.

 

Abstracts der Vorträge:

Rosa Lütge, M.A.: Believe and stay positive! – Diskursive Verschränkungen von Neoliberalismus und Religion in muslimischen Online-Magazinen

Der Vortrag untersucht digitale Gegenöffentlichkeiten muslimischer Jugendlicher am Beispiel lebensstilorientierter Online-Magazine. Diese Plattformen eröffnen niedrigschwellige Räume der Artikulation, des Empowerments und der Auseinandersetzung mit Religion, Identität, Kunst und Kultur sowie mit antimuslimischem Rassismus. Aus emotionssoziologischer Perspektive wird analysiert, wie in diesen digitalen Formaten normative Vorstellungen eines guten und gelingenden Lebens verhandelt werden. Dabei verschränken sich religiöse Bezüge, neoliberale Selbstoptimierungslogiken und Formen des Widerstands, wodurch Ambivalenzen und Widersprüche sichtbar werden. Der Fokus liegt auf dem Umgang mit Emotionen und den darin enthaltenen normativen Vorgaben für Identitätsentwürfe. Der Vortrag leistet so einen Beitrag zum Verständnis digitaler Aushandlungsprozesse muslimischer Selbstverortung.

 

Dr. Erkan Binici: „Muslimische Influencer_innen“– Empirische Befunde zu einem Containerbegriff aus Sicht Jugendlicher

Der Vortrag analysiert das Phänomen des sogenannten muslimischen Influencings im Kontext aktueller Debatten um Sinnfluencing und religiöse Sozialisation. Aufbauend auf bisherigen empirischen Studien wird gezeigt, dass muslimisches Influencing zwar zu einem zentralen Bezugspunkt jugendlicher Auseinandersetzungen mit Religion und Identität geworden ist, als Containerbegriff jedoch nur begrenzt geeignet ist, die Perspektiven Jugendlicher abzubilden. Im Mittelpunkt steht die Analyse von Gruppendiskussionen, die Einblicke in jugendliche Deutungen, Zuschreibungen und Ambivalenzen im Umgang mit dem Label „muslimisches Influencing“ ermöglichen. Der Beitrag fragt danach, welche Rolle Religion in diesen Aushandlungen spielt und wie Jugendliche selbst das Phänomen rahmen. Ziel ist eine konzeptionelle Schärfung aus der Perspektive der Jugendlichen.

 

Dr. Said Topalovic: „Die meiste Zeit bin ich auf Social-Media“ – Empirische Einblicke in die Social-Media-Aktivitäten muslimischer Jugendlicher

Der Vortrag präsentiert empirische Einblicke in die Social-Media-Nutzung muslimischer Jugendlicher im deutschsprachigen Raum auf Grundlage einer aktuellen explorativ-qualitativen Studie. Die Ergebnisse zeigen, dass Social-Media-Plattformen weit über Unterhaltungsfunktionen hinaus als Orte sozialer Vernetzung, Inspiration und religiöser Orientierung genutzt werden. Muslimische Jugendliche entwickeln differenzierte Strategien, um digitale Praktiken in ihren Alltag zu integrieren und zwischen virtuellen und analogen Lebenswelten zu vermitteln. Zugleich verweist die Analyse auf zentrale religionspädagogische Herausforderungen: Jugendliche agieren reflektiert und aktiv im digitalen Raum, sind jedoch auf unterstützende Strukturen angewiesen, um komplexe religiöse Inhalte einordnen zu können. Der Vortrag diskutiert diese Dynamiken und reflektiert Konsequenzen für religionspädagogische Praxis und Forschung.

Sektion Text und Norm/Panel

 

Beitragende:

  • Prof. Dr. Nimet Şeker (Leitung), Die textuelle Genese von as-Suyūṭīs al-Itqān fī ʿulūm al-Qurʾān, Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Prof. Dr. Serdar Kurnaz, Zwischen Rechtspluralität und Autorität: Das Genre des iḫtilāf al-fuqahāʾ und seine Funktionen im islamischen Rechtsdiskurs, Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Prof. Dr. Mohammad Gharaibeh, Die Genese und Rezeption von Hadithsammlungen am Beispiel von an-Nawawīs “Buch der vierzig Hadithe“, Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin

 

Panelbeschreibung:

Das Panel untersucht die Entstehung, Rezeption und Weiterentwicklung zentraler Werke und Textgattungen der islamischen Gelehrsamkeit und fragt nach den Funktionen der Rezeption und Verarbeitung sowie der Gestaltung dieser Quellen in diesem Prozess. Im Fokus stehen Texte, die als Kristallisationspunkte von Wissen, als Medien der Traditionsbildung und als Instrumente der Autoritätsaushandlung fungiert haben und bis heute wirken. Durch die Diskussion von Beispielen aus Recht, Exegese und Hadith wird sichtbar, wie sich disziplinäre Identitäten über die Ausformung von Gattungen herausbilden. So dient die Analyse des iḫtilāf al-fuqahāʾ der Untersuchung von Rechtspluralität in einem Raum ohne zentrale Entscheidungsinstanz, während die textuelle Untersuchung von as-Suyūṭīs al-Itqān das komplexe Zusammenspiel von expliziter Quellenangabe und impliziter Rezeption in enzyklopädischen Wissensordnungen offenlegt. Die Vorträge machen deutlich, dass die Genese dieser Quellen nicht allein als literarisches Phänomen zu verstehen ist. Vielmehr spiegeln sich in ihr Aushandlungsprozesse über Autorität wider, was sich an an-Nawawīs „Vierzig Hadithen“ zeigt, deren didaktische Reduktion fundamentale Überlieferungen popularisierte und als dauerhaften Kernbestand der Tradition kanonisierte. Die Genese dieser Genres bleibt somit konstitutiv für das Selbstverständnis der jeweiligen Disziplinen.

 

Abstracts der Vorträge:

Prof. Dr. Nimet Şeker: Die textuelle Genese von as-Suyūṭīs al-Itqān fī ʿulūm al-Qurʾān

Die umfangreichste und bis heute maßgebliche Enzyklopädie der koranischen Wissenschaften, Ǧalāl ad-Dīn as-Suyūṭīs (gest. 911/1505) al-Itqān fī ʿulūm al-Qurʾān, zeichnet sich nicht nur durch seinen außergewöhnlichen Umfang, sondern auch durch eine bis dahin einzigartige Struktur und Gliederung aus. Grundlage des Itqān sind über 352 schriftliche Quellen aus unterschiedlichen Disziplinen, die as-Suyūṭī systematisch in seine Darstellung integriert hat. Andere Zählungen sprechen sogar von 450 Titeln, die 412 verschiedenen Autoren zugeschrieben werden. Im Vortrag wird untersucht, wie einige dieser Quellen die innere Struktur und Ordnung des Werks geprägt haben. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf denjenigen Schriften, die as-Suyūṭī im Vorwort explizit nennt, sowie auf solchen, die er unerwähnt lässt, deren Spuren sich jedoch im Text nachweisen lassen. Auf diese Weise wird die Genese des Itqān rekonstruiert und das Zusammenspiel von expliziter Quellenangabe durch den Autor und impliziter Rezeption sichtbar gemacht.

 

Prof. Dr. Serdar Kurnaz: Zwischen Rechtspluralität und Autorität: Das Genre des iḫtilāf al-fuqahāʾ und seine Funktionen im islamischen Rechtsdiskurs

Seit den Anfängen des islamischen Rechts gehörten Meinungsverschiedenheiten (iḫtilāf) zum Rechtsdiskurs. Die Prophetengefährten sowie nachfolgende Generationen vertraten unterschiedliche Rechtsauffassungen, die zur Herausbildung konkurrierender Rechtstraditionen führten. Ab dem 2./8. Jahrhundert entstanden Werke über iḫtilāf, in denen Gelehrte divergierende Positionen dokumentierten, analysierten und zur Profilierung ihrer Traditionen nutzten. Iḫtilāf-Werke trugen wesentlich zur Identifikation von Rechtsschulen bei und dienten darüber hinaus der Herstellung religiös-rechtlicher Autorität sowie der Regulierung von Rechtspluralität in einem Feld ohne zentrale Entscheidungsinstanz. Später erhielten iḫtilāf-Werke eine ausgeprägte didaktische Funktion, die ihre formale Gestaltung und ihre Rolle im juristischen Diskurs veränderte. Iḫtilāf al-fuqahāʾ ist bislang als eigenständige Literaturgattung kaum systematisch erforscht. Insbesondere fehlt eine Analyse seiner Form und Funktion, seiner Beziehung zu anderen literarischen Gattungen sowie seiner Rolle für die Fortentwicklung des islamischen Rechts. Der Vortrag schließt hier an, zeichnet die Entwicklung dieser Literatur bis ins 15. Jahrhundert nach und untersucht ihre wechselnden Funktionen in unterschiedlichen Kontexten.

 

Prof. Dr. Mohammad Gharaibeh: Die Genese und Rezeption von Hadithsammlungen am Beispiel von an-Nawawīs “Buch der vierzig Hadithe“

Das „Buch der vierzig Hadithe“ (kitāb al-arbaʿīn) von Muḥyī ad-Dīn an-Nawawī (gest. 676/1277) gilt als die bekannteste und vermutlich am weitesten verbreitete islamische Schrift nach dem Koran selbst. Trotz ihrer außerordentlichen Bekanntheit und weiten Rezeption liegen bislang nur wenige detaillierte Studien über die Entstehungsgeschichte dieser Sammlung vor. Der Vortrag setzt sich zum Ziel, die Kompilations- und Rezeptionsgeschichte der Vierzig Hadithe näher zu beleuchten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Frage, welche Entwicklungsschritte bereits vor an-Nawawīs Sammlung erkennbar sind, insbesondere mit Blick auf die unterschiedlichen Motive und sich verändernden Strategien, die zur Entstehung verschiedener Sammlungen im Verlauf der Genese dieses Textes führten. Zugleich wird der Blick auf die Rezeption nach an-Nawawī gerichtet, um die nachhaltige Wirkung und die unterschiedlichen Formen der Aneignung und Weiterführung dieser Sammlung in späteren Jahrhunderten sichtbar zu machen.

11:00 bis 11:30 Uhr

Kaffeepause

Paralleles Programm #5, 11:30 bis 13:00 Uhr

Sektion Islamische Theologie und Religionspädagogik/Panel

Beitragende:

  • Prof. Dr. Ömer Özsoy, Zwischen Text(en) und Lebenswelt(en): Der Koran als polylogischer Diskurs, Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam, Goethe-Universität Frankfurt am Main
  • Dr. Sercan Üstündağ, Rhythmus, Rhetorik, Resonanz: Warum Rap ein Zugang zum Koran ist, Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt Universität zu Berlin
  • Dr. Esma Isis-Arnautovic, Eine anthropologische Wende? Ein neuer Ansatz und seine Auswirkungen auf das Fach der Islamisch-theologischen Studien, Schweizerisches Zentrum für Islam und Gesellschaft, Uni Fribourg
  • Dr. Betül Karakoç-Kafkas (Leitung), Stereotype auf links ziehen: Gendersensibilisierung in der religionspädagogischen Forschung und Lehre, Fachbereich Erziehungswissenschaften, Goethe-Universität Frankfurt am Main

 

Panelbeschreibung:

Das Panel versammelt vier Beiträge, die durch neue konzeptionelle Modelle bestehende Forschungsansätze in den Islamisch-Theologischen Studien und der islamischen Religionspädagogik kritisch reflektieren und weiterentwickeln. Gemeinsam ist ihnen die Neujustierung von Hermeneutik, Offenbarungsverständnis, Genderkonzepten und theologischer Anthropologie.

Im Zentrum zweier Beiträge stehen innovative Zugänge zum Koran, die Offenbarung nicht als statischen Text, sondern als dynamisches Kommunikationsgeschehen begreifen. Ein modulares Modell mit ästhetischem, literalem und kontextuellem Zugang macht klassische Exegese des Korans – etwa Klang, Sprachstruktur und Kontextualisierung – anhand von Rap als jugendkulturellem Medium lebensweltlich anschlussfähig. Ein weiterer Beitrag konzipiert den Koran als polylogischer Diskurs, der im Wechselspiel zwischen Offenbarung, historischen Adressaten, Auslegungstraditionen und gegenwärtigen Kontexten steht. Offenbarung erscheint damit historisch situiert und zugleich offen für neue Verständigungsprozesse.
Diese hermeneutische Perspektive wird durch anthropologische und diversitätssensible Ansätze erweitert. Ein Beitrag widmet sich unterschiedlichen Genderbegriffen und zeigt die Notwendigkeit einer methodisch fundierten Gendersensibilität auf, um stereotype Reproduktionen zu vermeiden und religionspädagogische Praxis differenziert auszurichten. Ein weiterer Beitrag betrachtet theologische Anthropologie nicht nur als „Menschenbild“, sondern vielmehr als offenbarungstheologisch begründetes Paradigma, das den Menschen systematisch als Bezugsgröße theologischer Reflexion profiliert.

 

Abstracts der Vorträge:

Prof. Dr. Ömer Özsoy: Zwischen Text(en) und Lebenswelt(en): Der Koran als polylogischer Diskurs

Die gegenwärtige Koranforschung bewegt sich zwischen zwei hermeneutischen Polen: dem Koran als Text einer historischen Epoche und dem Koran als lebendige Schrift, die sich in unterschiedlichen religiösen, sozialen und kulturellen Lebenswelten immer neu erschließt. Der hier vorgestellte Ansatz versteht den Koran nicht allein als Monolog göttlicher Rede, sondern als polylogischen Diskurs: Er entsteht und wirkt in einem vielschichtigen Wechselspiel zwischen Offenbarung, Adressaten, vorausgehenden religiösen Traditionen, späteren Auslegungsgemeinschaften und aktuellen Konstellationen.
Im ersten Schritt wird herausgearbeitet, wie die koranische Verkündigung ursprünglich dialogisch verfasst ist. Im zweiten Schritt wird gezeigt, wie sich diese dialogische Offenbarung in der Rezeptionsgeschichte transformierte. Mit dem Übergang vom gesprochenen Wort zum fixierten Text wandelte sich die Offenbarung in ein Objekt, das neu gedeutet werden musste. Der vorgeschlagene Ansatz des Polylogs versteht diese Entwicklungen nicht als Verlust, sondern als Hinweis auf die Mehrstimmigkeit und Vielschichtigkeit der koranischen Rede. Für die islamische Theologie und Religionspädagogik eröffnet dieses Verständnis einen methodischen Schlüssel: Es erlaubt, den Koran als historisch situierten und universell anschlussfähigen Diskurs zu begreifen. Damit wird er nicht als abgeschlossene Wahrheit, sondern als fortwährende Einladung zu Verständigung, Kritik und konstruktiver Aneignung gelesen.

 

Dr. phil. Sercan Üstündağ: Rhythmus, Rhetorik, Resonanz: Warum Rap ein Zugang zum Koran ist

Das vorliegende Vorhaben entwickelt ein modulares Hermeneutik-Modell, das drei Zugangsweisen zum Koran – ästhetisch, literal und kontextuell – auf den Sprechgesang (Rap) überträgt. Der ästhetische Zugang betrachtet im Koran die klangliche Dimension (qirāʾah) und das Reimschema (sajʾ), im Rap Rhythmus, Reimstruktur und Flow, ohne inhaltliche oder kontextuelle Bezüge zu thematisieren. Der literale Zugang fokussiert sich auf die grammatisch-semantische Exegese (at-tafsīr al-lughawī) und Wortkunde (gharīb al-Qurʾān) im Koran sowie auf präzise Artikulation und Wortwahl im Rap. Der kontextuelle Zugang schließlich bezieht historische, soziale und politische Kontexte der Koranoffenbarung ein und setzt sie in Analogie zur Einbettung von Rap-Lyrics in urban-protestative Alltagsrealitäten sowie zu intertextuellen Bezügen innerhalb der Hip-Hop-Kultur.

Aufgrund seiner globalen Reichweite wirkt Rap als Transfermedium für die Produktion von Identität. Nach der IFPI-Studie „Engaging with Music 2023″ belegt Hip-Hop/Rap Platz 3 der Lieblingsgenres (hinter Pop und Rock). Ziel dieser Forschung ist es, die Vielfalt legitimer hermeneutischer Zugänge in der communityorientierten Jugendarbeit und islamischen Religionspädagogik sichtbar zu machen. Rap als lebensweltlich wichtiger Anteil von jungen Menschen ermöglicht eine reflexive Auseinandersetzung mit Sprache, Klang und Kontext. So leistet das Modell einen Beitrag zu inklusiver, multiperspektivischer sowie lebensweltorientierter Bildung.

 

Dr. Esma Isis-Arnautovic: Eine anthropologische Wende? Ein neuer Ansatz und seine Auswirkungen auf das Fach der Islamisch-theologischen Studien

In den letzten Jahren hat die Verwendung des Terminus theologische Anthropologie in der islambezogenen Forschung einen markanten Aufschwung erlebt. In den islamwissenschaftlichen und islamisch-theologischen Diskursen wird theologische Anthropologie weitestgehend als Synonym zum Begriff Menschenbild verwendet. Damit fungiert er als Sammelbegriff für die thematische Erforschung des islamischen Menschenbildes, welches primär aus der Interpretation einschlägiger Begriffe wie etwa khalifa, fitra oder ruh gewonnen wird. Daneben existieren auch einige Bestrebungen, theologische Anthropologie als eigenständigen Forschungsbereich zu etablieren oder sie zumindest als programmatisches Anliegen einer spezifischen Disziplin, meist des ilm al-kalam al-jadid, zu verankern. Gleichwohl bergen beide Verständnisse einige Problematiken, da sie die historischen Wurzeln und die neuzeitlichen Diskursprämissen außer Acht lassen und so an interdisziplinärer Anschlussfähigkeit verlieren.

Ausgehend von einer begriffsgeschichtlichen und wissenschaftstheoretischen Problematisierung dieser gängigen Verständnisse zeigt dieser Betrag einen neuen Weg auf, theologische Anthropologie zu konzeptualisieren: als offenbarungstheologisch begründetes Paradigma. Dafür werden exemplarisch die offenbarungstheologischen Termini wahy, tanzil und qur’an auf ihren theologischen und anthropologischen Gehalt hin analysiert und deren Wechselwirkungen aufgezeigt. Damit einhergehend wird ein Perspektivenwechsel hergeleitet, der Konsequenzen für das gesamte Fach der Islamisch-theologischen Studien hat.

 

Dr. Betül Karakoç-Kafkas: Stereotype auf links ziehen: Gendersensibilisierung in der religionspädagogischen Forschung und Lehre

Die Bedeutung von Diversitätsmerkmalen wie Gender, Religion, Ethnizität oder Generation hat in die islamisch-religionspädagogischen Diskurse längst Eingang gefunden. Die zunehmenden Fokussierungen verschieben die Betrachtungen von einer vermeintlichen Eindimensionalität der Biographien in eine Analyserichtung, die die Hybridität und Transnationalität sowie die intersektional angelegten Ungleichheitsverhältnisse in den Lebenswelten der Subjekte berücksichtigt. In diesem Zusammenhang hat sich insbesondere Gender(sensibilisierung) zu einem Modebegriff entwickelt. Das Phänomen, dass Geschlechterstereotype und Geschlechter-Dysbalancen transnational wirkmächtig und handlungsleitend erscheinen, rekurriert auf die Notwendigkeit, Gendersensibilisierung nicht nur als Modebegriff zu fassen, sondern wissenschaftlich fundierte Konzepte zu entwickeln, um eine diversitätssensible religiöse Bildung und Erziehung nach demokratischem Verständnis zu fördern. Auf der Suche nach theoretischen und methodisch-methodologischen Ansätzen zeigen sich jedoch unterschiedliche Begriffsverständnisse von Gender, die nicht immer Gendersensibilität fördern, sondern eine binäre Geschlechtercodierung und Geschlechterstereotype reproduzieren können. Vor diesem Hintergrund bearbeitet der Vortrag die Frage, welche Begriffsverständnisse von Gender den islamisch-religionspädagogischen Diskursen zugrunde gelegt werden, und wie sich konkret ethnomethodologische Ansätze in die Lehre und Forschung einspeisen lassen, um den Akteur_innen der Religionspädagogik (beispielsweise Lehrer_innen und Religionsbediensteten in Moscheen) eine gendersensible Ausbildung zu gewährleisten. Die Ansätze lassen sich zudem für die religionspädagogischen Handlungsfelder fruchtbar machen.

Sektion Lebenswelten/Roundtable (AIWG-Projektwerkstatt)

 

Beitragende:

  • Prof. Dr. Riem Spielhaus (Leitung), Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI) & Seminar für Arabistik/Islamwissenschaft, Georg-August-Universität Göttingen
  • Prof. Dr. Mira Sievers (Leitung), Institut für Islamische Theologie, Universität Hamburg
  • Laura Beusmann, ehemalige Projektkoordinatorin, Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI)
  • Müfit Daknili, Institut für Islamische Theologie, Universität Hamburg
  • Birgül Karaarslan, Verband muslimischer Lehrkräfte
  • Dr. Welmoet Boender, Faculty of Social Sciences and Humanities, Lived Religion and Society, Vrije Universiteit Amsterdam
  • Dr. Erdmann Görg, Philosophie, Universität Trier

 

Beschreibung:

Der Roundtable zieht nach zwei Jahren Projektarbeit Bilanz und fragt nach Perspektiven für die nachhaltige Verankerung islamisch geprägter Philosophie in Schule und Lehramtsausbildung. Mit Lehrkräften für den Islamischen Religionsunterricht, Expert:innen aus der Philosophiedidaktik und der Forschung zu Islam in Europa diskutiert das Projektteam erreichte Ziele und bestehende Herausforderungen. Ausgangspunkt dafür bilden die Ergebnisse der AIWG-Projektwerkstatt „Falsafa in die Schule“, bestehend aus Unterrichtsentwürfen, einem Reader für die Lehramtsausbildung sowie einer Webtalk-Reihe für Bildungsmedienverlage. Sie bilden die Grundlage für eine weiterführende Reflexion über Möglichkeiten und Voraussetzungen, islamisch geprägte Denktraditionen systematisch in schulische und universitäre Bildungskontexte zu integrieren.

Im Zentrum stehen Fragen nach Potenzialen und Grenzen: Welche Impulse eröffnen diese Traditionen für die Auseinandersetzung mit Vernunft, Ethik und Pluralität? Wie lassen sie sich fachdidaktisch und theologisch produktiv für die Lehramtsausbildung erschließen? Und welche Veränderungen sind in Curricula und Bildungsmedien möglich, um das Spektrum der islamisch geprägten Philosophie darin sichtbarer zu machen? Der Roundtable versteht sich als Forum für Austausch, kritische Bilanz und Impulse für einen diverseren Schulunterricht.

Sektion Text und Norm/Panel

 

Beitragende:

  • Prof. Dr. Dina El Omari (Leitung), Die Vielfalt feministischer und geschlechtersensibler Koranexegese, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Münster
  • Prof. Dr. Nimet Şeker, Weibliche Autorschaft von Tafsīr-Werken: Historische und konzeptuelle Perspektiven, Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Botaina Azouaghe, M.A., Frauenfiguren im Koran neu gelesen: Feministische und intertextuelle Zugänge, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Münster
  • Hüda Nur Ateş, M.A., Weibliche Koranexegese in der Türkei, Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin

 

Panelbeschreibung:

Das Panel widmet sich zwei zentralen Entwicklungen der zeitgenössischen Koranauslegung. Zum einen steht die geschlechtersensible und feministische Koranexegese im Fokus, ein dynamisches Feld mit hoher theologischer und gesellschaftlicher Relevanz. Diskutiert wird, wie der Koran im Spannungsfeld zwischen seinem historischen Entstehungskontext und heutigen Diskursen zu Geschlechtergerechtigkeit gelesen werden kann. Feministische hermeneutische Ansätze machen deutlich, dass der Koran nicht als statischer Text zu verstehen ist, sondern als Offenbarung, die in Wechselwirkung mit sozio-kulturellen Bedingungen steht und Impulse für gegenwärtige und zukünftige Gerechtigkeitsvorstellungen bietet. Zum anderen nimmt das Panel Korankommentare von Frauen in den Blick, die nicht explizit geschlechtersensibel argumentieren. Diese Exegetinnen nutzen – wie andere zeitgenössische Kommentatoren – ein breites Spektrum traditioneller und moderner Methoden und beteiligen sich aktiv an der globalen Produktion zeitgenössischer Tafsīr-Literatur. Das Panel vereint unterschiedliche Perspektiven auf methodische Zugänge, hermeneutische Herausforderungen und praktische Implikationen der Exegese. Im Zentrum stehen Fragen nach Sprache, Kontextualisierung und Machtstrukturen sowie nach den emanzipatorischen Potenzialen koranischer Relektüren. Ziel ist es, einen Raum für pluralistische Ansätze zu eröffnen und Wandlungsprozesse in der Koranauslegung sichtbar zu machen.

 

Abstracts der Vorträge:

Prof. Dr. Dina El Omari: Die Vielfalt feministischer und geschlechtersensibler Koranexegese

Die feministische und geschlechtersensible Koranexegese ist zwar noch eine recht junge islamisch-theologische Disziplin, dennoch ist sie inzwischen zu einem heterogenen Feld aus Hermeneutiken und Methoden herangewachsen, das in ständiger Bewegung ist. Dieses Feld bringt nicht nur Stimmen aus dem angloamerikanischen und europäischen Raum, sondern mittlerweile auch zunehmend aus arabisch-, türkisch- und iranisch-sprachigen Ländern zusammen. Dabei lassen sich nicht nur zwischen einigen Akteur_innen Rezeptionslinien aufzeigen, sondern durchaus auch Diskussionen und Kontroversen über die Auslegungen, Gedanken und Haltungen. Besonders spannend ist dabei das Spannungsfeld zwischen denjenigen, die einer Hermeneutik der Loyalität und denjenigen, die einer Hermeneutik der Revision nachgehen. Doch was bedeutet es konkret einen Vers nach den einzelnen hermeneutischen Perspektiven zu betrachten? Der Vortrag zielt darauf ab, zunächst einen Einstieg in die Vielfalt der feministischen und geschlechtersensiblen Koranexegese zu geben, um dann anhand konkreter Versbeispiele aufzuzeigen, wie sich diese in der Auslegung ein und desselben Verses niederschlagen kann.

 

Prof. Dr. Nimet Şeker: Weibliche Autorschaft von Tafsīr-Werken: Historische und konzeptuelle Perspektiven

Frauen treten in der vormodernen Gelehrtenkultur nie als Autorinnen von Tafsīr-Werken in Erscheinung; erst im 20. Jahrhundert verfassen sie eigenständige Korankommentare. Dies steht im Widerspruch zu ihrer nachweislichen Rolle als aktive Teilnehmerinnen gelehrter Netzwerke innerhalb und außerhalb von religiösen Bildungseinrichtungen: Forschungen (Berkey: 1992; Roded: 1994; Schneider: 1998; Nadwi: 2007, 2021; Sayeed: 2013) belegen, dass Frauen als Hadith-Tradentinnen, Lehrermeisterinnen und Inhaberinnen von iǧāzas in zentralen Wissensdisziplinen agierten: insbesondere im Ḥadīṯ, aber auch in Recht, Exegese und arabischer Sprache. Wenn Frauen jedoch religiöses Wissen lehrten und weitergaben, muss es auch schriftliche Aufzeichnungen und eigenständige Reflexionen von ihnen gegeben haben. Es ist nicht davon auszugehen, dass sie als Lehrmeisterinnen religiöses Wissen nur mechanisch reproduziert haben. Der Vortrag diskutiert dazu zeitgenössische Autorschaftskonzepte und das Konzept der kollektiven und kumulativen Wissensproduktion für enzyklopädische Korankommentare. Auf diese Weise lässt sich der Beitrag von Frauen zum kollektiven Wissen in vormodernen Kommentarwerken neu denken.

 

Botaina Azouaghe, M.A.: Frauenfiguren im Koran neu gelesen: Feministische und intertextuelle Zugänge

Der Beitrag setzt sich mit Frauenfiguren im koranischen Narrativ auseinander und nimmt dabei eine feministische und intertextuelle Perspektive ein. Im Fokus steht die Frage, wie die Darstellungen weiblicher Figuren jenseits patriarchaler Lesarten sichtbar gemacht werden können und welche theologischen Potenziale sich aus einer geschlechtersensiblen Relektüre ergeben.

Exemplarisch werden ausgewählte Frauenfiguren, darunter Imraʾat al-ʿAzīz (Sure 12) und die Königin von Saba (Sure 27), betrachtet. Dabei wird untersucht, wie klassische Exegesen diese Figuren interpretieren und in welchen narrativen Rollen sie erscheinen. Zugleich wird die intertextuelle Dimension beleuchtet: in biblischen und apokryphen Überlieferungen finden sich Parallelen, die durch den Koran aufgenommen, transformiert oder neu akzentuiert werden.

Ziel des Beitrages ist es, aufzuzeigen, wie eine feministische Hermeneutik sowohl kritische Reflexionen über exegetische Traditionen anstoßen als auch Räume für emanzipatorische Zugänge zum Koran eröffnen.

 

Hüda Nur Ateş, M.A.: Weibliche Koranexegese in der Türkei

Während die feministische Exegese in den letzten Jahren das Interesse zahlreicher Forscher weckte, ist die weibliche Exegese im Allgemeinen noch weitgehend unerforscht. Dabei beteiligen sich Frauen so offen wie nie zuvor an der exegetischen Wissensproduktion: Sie schreiben Korankommentare, teilen ihre Auslegungen im Fernsehen, im Radio oder auf ihren Social-Media-Kanälen. Durch ihre Arbeit leisten sie einen Beitrag zur zeitgenössischen Exegese und prägen das Genre mit, das insbesondere seit der Moderne einem großen Wandel unterliegt.

In diesem Beitrag stehen beispielhaft zeitgenössische türkische Exegetinnen im Vordergrund, von denen einige Theologie an der Universität oder in einer Madrasa studierten, während andere Autodidaktinnen mit geringen oder gar keinen Arabischkenntnissen sind. Dies wirkt sich auf ihre Methodologie, ihren Schreibstil und ihre angestrebte Leserschaft aus und macht ihre Arbeiten zu einer vielversprechenden Grundlage, um zu erforschen, wie weibliche und darüber hinaus zeitgenössische Exegese funktioniert, welche Chancen das Genre bietet und welche Grenzen es hierbei gibt bzw. geben sollte.

13:00 bis 14:00 Uhr

Mittagspause

Paralleles Programm #6, 14:00 bis 15:30

Sektion Lebenswelten/Panel

 

Beitragende:

  • J.Prof. Dr. Ulvi Karagedik (Leitung), Radikalisierung als pädagogische Herausforderung: Salafistische Social-Media-Strategien und religionspädagogische Perspektiven, Institut für Islamische Theologie und Religionspädagogik, Pädagogischen Hochschule Karlsruhe
  • Prof. Dr. Naime Çakir-Mattner und Dilara Kanbiçak, M.A., Muslimisches Leben in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023: Auswirkungen und Herausforderungen, Islamische Theologie, Justus-Liebig-Universität Gießen
  • Prof. Dr. Riem Spielhaus, Diskursive Zäsuren und Kontinuitäten: Islam und Muslime in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023, GEI Braunschweig und Seminar für Arabistik / Islamwissenschaft II, Georg-August-Universität Göttingen
  • Michaela Glaser, M.A., It’s the religion, stupid? Zur Rolle ‚des Islam‘ in Hinwendungen zum islamistischen Extremismus, Berghof Foundation, Berlin

 

Panelbeschreibung:

Dieses Panel untersucht die gesellschaftliche Polarisierung in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 als Zäsur, die muslimische Lebenswelten in Spannungsfelder zwischen antimuslimischem Rassismus, Antisemitismus-Verdachtsbildungen und neuen Radikalisierungen versetzt. Es fragt nach Kontinuitäten und Brüchen in der öffentlichen Debatte und danach, wie diese Dynamiken die Grenzen zwischen individueller Identität und kollektiver Zuschreibung destabilisieren.

Mechanismen, durch welche politische Krisen und Marginalisierungserfahrungen im digitalen Raum für extremistische Narrative instrumentalisiert werden, spielen dabei ebenso eine Rolle wie die Hinterfragung religiöser und sozialer Identitätsangebote unter dem Druck von Distanzierungserwartungen und internen Community-Dynamiken.

Der Fokus auf die Verflechtungen von Lebenswelt, religiösem Habitus, Radikalisierungsprozessen sowie der Rolle von Religion und Religiosität bei Hinwendungen zum Extremismus ermöglicht es, theologische und religionspädagogische Ansätze zu entwickeln, um Zugehörigkeiten in der postmigrantischen Gesellschaft konstruktiv zu gestalten. Das Panel eröffnet somit Raum für fachwissenschaftliche Perspektiven auf diese grundlegenden Herausforderungen zeitgenössischer Gesellschaften.

 

Abstracts der Vorträge:

Prof. Dr. Naime Çakir-Mattner und Dilara Kanbiçak, M.A.: Muslimisches Leben in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023: Auswirkungen und Herausforderungen

Der Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und die darauffolgende militärische Eskalation haben nicht nur geopolitische Folgen, sondern wirken auch tief in europäische Migrationsgesellschaften hinein. In Deutschland fungieren diese Ereignisse als Katalysator gesellschaftlicher Polarisierungsprozesse, die sich in einem deutlichen Anstieg sowohl antisemitischer als auch antimuslimischer Ressentiments manifestieren. Zivilgesellschaftliche Erhebungen – etwa das Monitoring der Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit – zeigen eine massive Zunahme antimuslimischer Vorfälle, wobei insbesondere muslimische Frauen überproportional betroffen sind. Dies verweist auf den Verlust sicherer öffentlicher Räume sowie auf tiefgreifende Verschiebungen im gesellschaftlichen Klima.

Das Panel nimmt diese Entwicklungen zum Ausgangspunkt. Im Zentrum stehen Fragen nach den Auswirkungen globaler Konflikte auf lokale soziale Beziehungen, nach affektiver Polarisierung sowie nach der Verschränkung von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus.

 

Prof. Dr. Riem Spielhaus: Diskursive Zäsuren und Kontinuitäten: Islam und Muslime in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023

Der Beitrag analysiert Debatten über Islam und Muslime in Deutschland in den vergangenen zwei Jahrzehnten mit dem Ziel, Wandel und Kontinuität zentraler Themen, Argumentationsmuster und die Rolle beteiligter Akteure im Kontext des 7. Oktober 2023 herauszuarbeiten. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass der gewalttätige Überfall der Hamas auf Israel sowie die Entführung israelischer Zivilist_innen in Politik und Medien als einschneidende Zäsur wahrgenommen wurden. Insbesondere in der Berichterstattung öffentlich-rechtlicher Medien und überregionaler Tageszeitungen sowie im politischen Diskurs scheint sich eine Verschiebung in Tonalität, Deutungsrahmen und Problematisierungen vollzogen zu haben. Der Beitrag fragt, ob diese Wahrnehmung einer diskursiven Zäsur empirisch belegbar ist oder ob vielmehr etablierte Deutungsmuster fortgeschrieben werden. Auf Grundlage einer qualitativen Analyse von Parlamentsdokumenten und ausgewählten Beiträgen aus Nachrichtenmedien werden Kontinuitäten und Brüche in der Darstellung von Islam, Muslim_innen und sicherheitspolitischen Fragen untersucht und in ihren gesellschaftspolitischen Kontext eingeordnet.

 

J.Prof. Dr. Ulvi Karagedik: Radikalisierung als pädagogische Herausforderung: Salafistische Social-Media-Strategien und religionspädagogische Perspektiven

Der 7. Oktober 2023 hat radikalen und salafistischen Akteuren neue Mobilisierungschancen eröffnet. Der Beitrag analysiert exemplarisch YouTube-Videos zweier prominenter Figuren der deutschen islamistischen Szene – Ahmad Armih (Abul Baraa) und Raheem Boateng – und zeigt, wie sie Diskriminierungserfahrungen strategisch zur Radikalisierung nutzen.

Dabei wird sichtbar, wie beide Influencer reale Probleme muslimischer Communities aufgreifen und in extremistische Deutungsmuster einbetten: Abul Baraa konstruiert eine Verschwörung der westlichen Welt gegen den Islam, Boateng stellt die demokratische Grundordnung in Frage. Beide erreichen Millionen junger Muslim_innen.

Besonders problematisch ist die Verbindung nachvollziehbarer Diskriminierungserfahrungen mit radikalen Lösungsangeboten. Diese Verflechtung stellt die islamische Religionspädagogik vor zentrale Herausforderungen: Wie kann der Religionsunterricht kritische Kompetenzen für den Umgang mit sozialen Medien fördern? Wie lassen sich alternative Narrative entwickeln, die präventiv wirken, ohne legitime gesellschaftliche Kritik zu delegitimieren?

 

Michaela Glaser, M.A.: It’s the religion, stupid? Zur Rolle ‚des Islam‘ in Hinwendungen zum islamistischen Extremismus

Welche Rolle der Islam bei der Hinwendung zu extremistischen Strömungen spielt, wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Der Vortrag geht dieser Frage aus der Perspektive einer soziologisch orientierten Biografieanalyse nach: Anhand lebensgeschichtlicher Interviews wird zunächst die biografische Funktionalität von Hinwendungen in verschiedenen Konstellationen nachgezeichnet und die hierbei jeweils relevanten Bedeutungsdimensionen von „Islam“ aufgezeigt. Anschließend wird diskutiert, inwiefern die rekonstruierten Zusammenhänge auf eine spezifische, Hinwendungen befördernde Qualität von islamischer Religion und Religiosität verweisen. Dabei lässt sich zeigen: Die für Hinwendungsprozesse relevante Funktionalität ideologischer Angebote, die auf den Islam rekurrieren, gründet nicht in spezifischen Glaubensinhalten dieser Religion. Relevant sind hier vielmehr, neben allgemeinen Qualitäten religiöser Angebote, bestimmte sozial konstituierte Bedeutungszuweisungen an „Muslimsein“ in der postmigrantischen Gesellschaft. Im Zusammenspiel mit adoleszenten Dynamiken und unterstützt durch die lebensweltnahe Gestaltung ihrer Ansprachen können Ideologien, die auf den Islam rekurrieren, in solchen Konstellationen ihre Attraktivität als alternatives Identitätsangebot entfalten.

Sektion Text und Norm/Panel (AIWG-Forschungsgruppe)

Beitragende:

  • Prof. Dr. Ruggero Vimercati Sanseverino (Leitung & Moderation), Hadith Studien und prophetische Tradition, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Tübingen
  • Dr. Patrick Brooks, Prophetenbilder zwischen religiöser Selbstbehauptung und Säkularisierungsdruck: Der Prophet Muḥammad in Lehrwerken des Islamischen Religionsunterrichts und der Gemeindepädagogik, Islamische Theologie und ihre Didaktik, Justus-Liebig-Universität Gießen
  • Dr. Besnik Sinani, The Prophet’s Image in Modern Sīra Texts: Post-Colonial Muslim Prophetology and Its Pedagogical Stakes, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Tübingen
  • Mustafa Cetinkaya M.A., Prophetenbilder im Lichte der Asbāb al-Wurūd: Eine kontextuelle Hadithhermeneutik, Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Dr. Hossam Ouf, Zwischen Ideal und Diskrepanz: Prophetenbilder als hermeneutischer Schlüssel im Umgang mit problematischen Hadithen, Zentrum für Islamische Theologie, Universität Tübingen

 

Panelbeschreibung:

Dieses Panel der AIWG-Forschungsgruppe „Mit dem Propheten Muḥammad ins Gespräch kommen“ widmet sich der Frage, wie Prophetenbilder in unterschiedlichen historischen, theologischen, hermeneutischen und pädagogischen Kontexten konstruiert, vermittelt und reflektiert werden. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Darstellungen des Propheten Muḥammad stets zwischen normativer Idealisierung, historischer Kontextualisierung und gegenwärtigen Erwartungen vermittelt sind.

Die Beiträge untersuchen dieses Spannungsfeld aus komplementären Perspektiven: Anhand von Schulbüchern und gemeindepädagogischen Lehrwerken wird im ersten Vortrag analysiert, welche Prophetenbilder im islamischen Religionsunterricht vermittelt werden und inwiefern diese theologisch tragfähig und religionspädagogisch reflektiert sind (Brooks). Der zweite Vortrag beleuchtet Transformationen der Prophetologie in modernen Sīra-Texten und fragt nach deren epistemologischen Voraussetzungen sowie ihren postkolonialen und pädagogischen Implikationen (Sinani). Im dritten Vortrag wird die kontextuelle Hadithhermeneutik der Asbāb al-wurūd (Äußerungsanlässe der Hadithe) als Instrument zur Vermittlung spezifischer Prophetenbilder untersucht (Cetinkaya). Abschließend wird ein theologischer Ansatz vorgestellt, der Prophetenbilder als hermeneutischen Schlüssel im Umgang mit problematischen Hadithen versteht und ethische Spannungen zwischen Überlieferung und Gegenwart bearbeitet (Ouf). Gemeinsam zeigen die Beiträge, dass Prophetenbilder zentrale Orientierung für theologisch-hermeneutische Deutung, ethische Reflexion und religiöse Bildung darstellen.

 

Abstracts der Vorträge:

Dr. Patrick Brooks: Prophetenbilder zwischen religiöser Selbstbehauptung und Säkularisierungsdruck: Der Prophet Muḥammad in Lehrwerken des Islamischen Religionsunterrichts und der Gemeindepädagogik

Am Standort Gießen wird untersucht, wie der Prophet Muḥammad in Schulbüchern des Islamischen Religionsunterrichts (IRU) sowie in ausgewählten Lehrwerken des Gemeindlichen Religionsunterrichts (GRU) dargestellt wird: dabei interessiert neben der Auswahl und Übersetzung von Hadithen auch die Art und Weise, wie Ereignisse aus der Sīra geschildert oder generell auf die Sunna des Propheten Bezug genommen wird. Welches Prophetenbild versuchen die Lehrwerke zu vermitteln und wie gut gelingt ihnen dies theologisch und religionspädagogisch? Was kennzeichnet den Vorbildcharakter Muḥammads aus Sicht der Autorinnen und Autoren und worauf könnte ihre Wahrnehmung jeweils basieren? Begegnet uns ein ganzheitliches und selbstbestimmt formuliertes Porträt des Propheten oder eine auf äußeren Zwängen beruhende Kompromissfigur? Werden bestimmte Aspekte bewusst umgedeutet oder vermieden und, wenn ja, aus welchem Grund? Der Vortrag möchte den Forschungsbefund kurz vorstellen und dazu einladen, einige noch zu klärende Fragen gemeinsam zu erörtern.

 

Dr. Besnik Sinani: The Prophet’s Image in Modern Sīra Texts: Post-Colonial Muslim Prophetology and Its Pedagogical Stakes

This paper examines how modern sīra writings have reshaped Muslim prophetology in the post-colonial period. Focusing on representative reformist, modernist, Salafi, and traditionalist texts, it analyses the epistemological assumptions through which the Prophet Muḥammad is rendered morally exemplary, historically legible, or normatively authoritative in response to colonial critique and modern sensibilities. How do modern sīra authors negotiate tensions between historical criticism and devotional commitment? What forms of prophetic authority are emphasized or marginalized in contemporary Muslim thought? How do these shifts affect contemporary Muslim self-understanding of Islam as a prophetic religion? It explores, additionally, the pedagogical implications for Muslim education in Western contexts, in shaping approaches to prophetology that are intellectually credible, theologically grounded, and responsive to pluralistic classrooms. It suggests that renewed engagements with sīra can inform contemporary Muslim theology over the role of prophecy in ethical formation, communal memory, and religious pedagogy today.

 

Mustafa Cetinkaya M.A.: Prophetenbilder im Lichte der Asbāb al-Wurūd: Eine kontextuelle Hadithhermeneutik

Am Standort Berlin wird der Asbāb al-wurūd (Äußerungsanlass von Hadithen) als hermeneutisches Instrument untersucht, wobei insbesondere der enge Zusammenhang zwischen Äußerungsanlass und Prophetenbild in den Blick genommen wird – ein Zusammenhang, der bislang nur selten systematisch reflektiert worden ist. Das Teilprojekt untersucht zum einen, warum die Literatur der Asbāb al-wurūd erst relativ spät stärkere Beachtung unter den Hadithgelehrten erfuhr und zum anderen, wie die Asbāb al-wurūd als hermeneutisches Mittel genutzt wurden, um problematische Hadithe zu deuten. In diesem Zusammenhang wird untersucht, ob und in welcher Weise die Iḫtilāf al-ḥadīṯ-Literatur auf das Konzept der Asbāb al-wurūd zurückgreift. Darüber hinaus sollen die erkenntnistheoretischen und hermeneutischen Vorteile herausgearbeitet werden, die sich aus der Berücksichtigung der Äußerungsanlässe ergeben. Abschließend wird der Frage nachgegangen, ob die überlieferten Äußerungsanlässe ein spezifisches Bild des Propheten vermitteln können und inwiefern Hadithüberlieferer diese Rahmenerzählungen möglicherweise zur Akzentuierung eines eigenen Prophetenbildes genutzt haben. Der Vortrag stellt die bisherigen Forschungsergebnisse in knapper Form vor und lädt dazu ein, offene Fragen gemeinsam zu diskutieren.

 

Dr. Hossam Ouf: Zwischen Ideal und Diskrepanz: Prophetenbilder als hermeneutischer Schlüssel im Umgang mit problematischen Hadithen

Die Interpretation problematischer Hadithe (Mushkil al-ḥadīth), insbesondere solcher, die Gewalt, Herabsetzung oder Benachteiligung marginalisierter Gruppen wie Frauen oder Nichtmuslime zu legitimieren scheinen, stellt eine zentrale Herausforderung für die Islamische Theologie in modernen pluralen Kontexten dar.  Zum einen scheinen diese Hadithe ein verzerrtes Bild des Propheten Muḥammad zu vermitteln, und zum anderen werden sie problematisiert, weil sie dem in der muslimischen Tradition verankerten idealen Prophetenbild widersprechen. Dieser Beitrag entwickelt daher einen hermeneutischen Ansatz, der Prophetenbilder und die prophetische Praxis als theologischen Deutungsschlüssel versteht.  Ausgehend von der theologischen Prämisse, dass der Prophet Muḥammad nicht nur Übermittler, sondern auch Verkörperung der Offenbarung ist, wird untersucht, wie unterschiedliche Prophetenbilder in Koran, Sunna, Sīra sowie in der klassischen und gegenwärtigen Hadithinterpretation als übergeordnete ethische Filter fungieren können, um Spannungen zwischen überlieferten Texten und den ethischen Herausforderungen heutiger muslimischer Gemeinschaften zu bearbeiten.

Sektion Text und Norm/Panel

 

Beitragende:

  • Yasemin Amber (Leitung), Körper, Transzendenz und Erlösung: Zur Erschließung islamisch-theologischer Leibverständnisse im Horizont technofuturistischer Anthropologien, Zentrum für Islamische Theologie (ZIT), Universität Münster
  • Fatma Akan Ayyıldız, Der Mensch und Körperlichkeit in philosophisch-theologischen Debatten (14.-17. Jh.), Berliner Institut für Islamische Theologie, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Laura Pusch, Leib und Leiblichkeit in gendersensibler Perspektive, Zentrum für Islamische Theologie (ZIT), Universität Münster

 

Panelbeschreibung:

Seit den neunziger Jahren ist in vielen Wissenschaften ein sogenannter body turn zu verzeichnen, der unterschiedlich benannt wird, u. a. der corporeal, emotional, practice, performative, iconic oder somatic turn. In der Anthropologie, Phänomenologie, in Geschichts-, Kultur- und Politikwissenschaften, aber auch und gerade in kritischen Studien wie Gender Studies und Postcolonial Studies ist Körper und körperliches Sein zu einer eigenständigen Analysekategorie geworden, die interdisziplinär neue Erkenntnisse und Horizonte eröffnet. Gegenwärtig erfahren diese Diskurse im Zuge transhumanistischer Entwürfe des Menschen, die mit neuro-biotechnologischen Fortschritten einen Auftrieb erfahren, eine neue Zuspitzung. Islamisch-theologische Untersuchungen jedoch, die die Körperlichkeit des Menschen tangieren, nehmen in bestehenden Diskursen vornehmlich eine instrumentelle Perspektive ein. Ein dezidiert leiblicher Zugang, der die philosophisch-theoretische Ebene historischer sowie gegenwärtiger Diskurse beleuchtet und auf ihre theologische Begründbarkeit prüft, ist hingegen nicht erschöpfend eruiert. Um eigenständige Begründungsmomente sichtbar zu machen, nimmt das Panel anthropologisch-ethische, gendersensible und systematisch-theologische Perspektiven in den Blick und nimmt sich damit der Herausforderung an, Leiblichkeit und Körperlichkeit theologisch zu denken.

 

Abstracts der Vorträge:

Yasemin Amber: Körper, Transzendenz und Erlösung: Zur Erschließung islamisch-theologischer Leibverständnisse im Horizont technofuturistischer Anthropologien

In jüngster Zeit lassen sich erste islamisch-theologische Auseinandersetzungen mit der Stellung der Leiblichkeit beobachten, und zwar als Ausdruck einer gewissen Sorge um die „Leibvergessenheit“ (Karimi 2022) in der islamischen Theologie. Diese Hinwendung zur Leiblichkeit ist die Folge der gegenwärtig kollektiven Wahrnehmung im globalen Norden, eine historisch neue technologische Ära als Menschheit zu betreten, deren Entwicklungen unmittelbar auch die körperliche Autonomie und Gestalt des Menschen betreffen und seine neuro-biogenetische Konstitution zum Gegenstand einer technischen Erweiterung machen. Dabei berühren die körperfeindlichen Tendenzen dieser technofuturistischen Strömungen, die den Körper als Instrument durch Technik nicht nur erweitern, sondern auch ersetzen und idealerweise unsterblich machen möchten, Kernfragen systematischer Theologie und Anthropologie. Allerdings bleibt ein systematisch erschlossenes theologisches Körperkonzept, mit dem sich diesen Fragen begegnen ließe, noch aus. Es bedarf einer dezidierten leibbezogenen Lektüre und Relektüre theologischer Diskurse, um Grundlinien islamisch-theologischer Körpervorstellungen erschließen zu können. Dieser Beitrag unternimmt einen Annäherungsversuch an diese Grundlinien der Körpervorstellungen innerhalb der islamischen Denktradition. Diese sollen anhand von Transzendenz- und Erlösungsvorstellungen aufgezeigt und nach ihren theologischen Implikationen für die Gegenwart gefragt werden.

 

Fatma Akan Ayyıldız: Der Mensch und Körperlichkeit in philosophisch-theologischen Debatten (14.-17. Jh.)

Die „Nicht-Erschließbarkeit“ der Quidditas des Menschen wurde in der islamischen Theologie lange Zeit dadurch umgangen, dass der Mensch primär als Adressat göttlicher Gebote im Hinblick auf seine rechtliche Kompetenzfähigkeit bestimmt wurde. Mit der Einführung einer integrativen Methode in Theologie und Philosophie mit ar-Rāzī (gest.606/1210) kam es zu einer Neubestimmung des Menschen. Unter Rückgriff auf die Überlegungen von al-Īǧī (gest. 756/1355), al-Ǧurǧānī (gest. 816/1413), Ṭāšköprīzāde (gest. 968/1561) und Munaǧǧimbāšī (gest. 1113/1702) zeigt der Vortrag, wie philosophische Konzepte des Menschen im Hinblick auf ihre theologischen Implikationen reflektiert wurden. Dabei erweist sich die Leiblichkeit in ihrer Kontrarietät zur immateriellen Seele als zentrales Moment, um zentrale theologische Fragen zu reflektieren. Anhand konkreter Fragestellungen etwa aus der Erkenntnislehre, der ethischen Zielsetzung sowie der moralischen Verantwortung und Individualität wird die Bedeutung der Körperlichkeit innerhalb dieser philosophisch-theologischen Bemühungen herausgearbeitet. Ziel ist es, von diesen historischen Reflexionen Impulse für gegenwärtige Ansätze zur Körperlichkeitskonzeption in der islamischen Theologie zu gewinnen.

 

Laura Pusch: Leib und Leiblichkeit in gendersensibler Perspektive

Obgleich ein Interesse der Islamischen Theologie am Leib nicht bestritten werden kann, existiert dieses ohne eine explizite Bezugnahme auf seinen eigenen Stellenwert. Leibdiskurse finden vielmehr in den Grenzen dualistischer Gegenüberstellungen von Körper und Seele statt. In besonderer Weise zeigt sich die Leerstelle eines leibphänomenologischen Zugangs mit Blick auf den weiblichen Leib. So muss konstatiert werden, dass die Rolle, die dem weiblichen Leib sowohl historisch als auch gegenwärtig zugedacht ist, diesen weitestgehend als Maßstab der Verführung und Normierung versteht. Jenseits normativer Regelungen wird ein Zugang explizit weiblicher Leiberfahrungen bei gottesdienstlichen Handlungen nicht nur nicht mitgedacht, sondern darüber hinaus zum Ausschlussmoment fingiert. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller Diskurse zwischen Körperoptimierung- und Überwindung muss eine verantwortungsvolle Beschäftigung aus einer islamisch theologischen Perspektive sich der Aufgabe annehmen nach dem Eigenwert weiblicher Leiberfahrungen in gelebter Religiosität zu fragen. Inwiefern lassen sich diese als eigenständige Quelle im Selbst- und Weltbezug sowie in der Gottesbeziehung kennzeichnen? Ausgehend von einem leibphänomenologischen Zugang lässt sich der weibliche Leib als hermeneutischer Schlüssel zur Erschließung von Gottesbeziehung und religiöser Subjektivität verstehen und danach fragen, was leibliche Verfasstheit weiblicher Figuren im Koran konstituiert. Wie spricht Gott in seiner Offenbarung über die Leiblichkeit weiblicher Figuren und in welcher Weise sind diese im Koran von ihrem Geschlechtsleib affektiv betroffen? Mit der Erarbeitung eines genuin islamisch-theologischen Beitrags zur Neubewertung körperrelevanter Verse weiblicher Figuren im Koran und ihrer religiösen Erfahrungen, soll das Ziel verfolgt werden die Betroffenheit von leiblicher Faktizität (Mentsruation, Geburt, etc.) widerzuspiegeln, um diese als Möglichkeit des aktiven Glaubensvollzugs zu verstehen. Dabei gilt es explizit auch danach zu fragen, inwiefern Momente der Vulnerabilität im Angesicht der Unverfügbarkeit körperlicher Erfahrungen zum Spiegelspiel der Unverfügbarkeit des Glaubens weiblicher Figuren selbst werden können.

Sektion Islamische Theologie und Religionspädagogik/Panel

Beitragende:

  • Dr. Şenol Yağdı (Leitung), Religionspädagogischer Lehrer_innenhabitus: Theoretische und empirische Beiträge zu einer Praxeologie von Professionalität und Professionalisierung, Institut für Islamisch-Theologische Studien, Fachbereich Islamische Religionspädagogik, Universität Wien
  • Jun.-Prof. Dr. Naciye Kamcili-Yildiz, Von der religiösen Sozialisation zur pädagogischen Verantwortung – Das Selbstverständnis angehender Lehrkräfte der islamischen Religionslehre im Fokus, Paderborner Institut für Islamische Theologie, Universität Paderborn
  • Ass.-Prof. Dr. Mehmet Hilmi Tuna, Professionalisierung islamischer Bildung: Wahrnehmungen muslimischer Jugendlicher zur Professionalität und Performanz von Lehrenden in schulischen und außerschulischen Bildungssettings, Institut für Islamische Theologie und Religionspädagogik, Universität Innsbruck

 

Panelbeschreibung:

Die Frage nach den Anforderungen an Religionslehrkräfte ist seit jeher ein zentrales Thema der Religionspädagogik. Ein systematischer Professionsdiskurs entwickelte sich jedoch erst ab den 1980er-Jahren und wurde innerhalb der Religionspädagogik lange Zeit nur begrenzt rezipiert. Erst in den letzten Jahren ist eine stärkere Anbindung an bildungswissenschaftliche Diskurse pädagogischer Professionalität zu beobachten.

Auch in der Islamischen Religionspädagogik liegen mittlerweile erste empirische Studien (u. a. Tuna 2019; Kamcili-Yildiz 2021; Yağdı 2025) vor, die sich mit professionellem Denken und Handeln von Religionslehrpersonen befassen. Diese Arbeiten gelten als Pionierstudien und eröffnen neue Perspektiven für Theorieentwicklung und Lehrer_innenbildung.

Das Panel versammelt drei Beiträge, die Professionalisierung aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten: aus Sicht praktizierender islamischer Religionslehrkräfte, angehender Lehrpersonen sowie muslimischer Jugendlicher als Adressat_innen islamischer Bildungsangebote. Gemeinsam ist den Beiträgen ein empirischer und praxeologischer Zugang. Ziel ist es, einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Professionsforschung in der Islamischen Religionspädagogik zu leisten und bestehende Forschungslücken zu adressieren.

 

Abstracts der Beiträge:

Jun.-Prof. Dr. Naciye Kamcili-Yildiz: Von der religiösen Sozialisation zur pädagogischen Verantwortung – Das Selbstverständnis angehender Lehrkräfte der islamischen Religionslehre im Fokus

Der Beitrag richtet den Blick auf die Professionalisierung angehender Lehrkräfte der islamischen Religionslehre und damit auf eine frühe Phase professioneller Entwicklung. Ausgangspunkt sind Befunde, wonach religiöse Sozialisation, persönliche Glaubenspraxis und Studienwahlmotive das spätere professionelle Selbstverständnis von Religionslehrkräften wesentlich prägen.

Präsentiert werden Ergebnisse einer quantitativen Studie mit Studierenden der Islamischen Religionslehre an der Universität Paderborn. Untersucht werden Studienwahlmotive, religiöse Prägungen sowie Zielvorstellungen für den späteren Unterricht. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass biografische und religiöse Erfahrungen zentrale Einflussfaktoren für das professionelle Selbstverständnis darstellen.

Der Beitrag zeigt, warum die Studierendenperspektive eine wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung universitärer Ausbildungskonzepte darstellt und welchen Beitrag sie zur Professionsforschung im islamischen Religionsunterricht leisten kann.

 

Ass.-Prof. Dr. Mehmet Hilmi Tuna: Professionalisierung islamischer Bildung: Wahrnehmungen muslimischer Jugendlicher zur Professionalität und Performanz von Lehrenden in schulischen und außerschulischen Bildungssettings

Der Beitrag nimmt die Perspektive muslimischer Jugendlicher auf die Professionalität von Lehrenden in schulischen und außerschulischen islamischen Bildungssettings in den Blick. Während Professionalisierungsdebatten bislang vor allem institutionell geführt werden, rückt hier die Wahrnehmung der Lernenden in den Mittelpunkt.

Auf der Grundlage leitfadengestützter Interviews werden Erfahrungen muslimischer Jugendlicher mit Lehrenden im schulischen Religionsunterricht sowie im Moscheekontext analysiert. Aus einer machttheoretischen Perspektive wird Professionalität als relationale Kategorie verstanden, die wesentlich auf Anerkennung durch die Lernenden angewiesen ist.

Die Ergebnisse zeigen, dass fachliche Kompetenz, didaktisches Können, religiöse Authentizität, Beziehungsgestaltung sowie der Umgang mit Differenz und Autorität zentrale Kriterien für die Wahrnehmung von Professionalität darstellen.

 

Dr. Şenol Yağdı PhD: Religionspädagogischer Lehrer_innenhabitus: Theoretische und empirische Beiträge zu einer Praxeologie von Professionalität und Professionalisierung

Der Beitrag verortet sich in der Professionsforschung und stellt Ergebnisse einer rekonstruktiven Studie zum religionspädagogischen Habitus islamischer Religionslehrkräfte vor. Ziel ist es, aus den Narrationen der Lehrkräfte unbewusste und zugleich regelhafte Strukturen ihres professionellen Denkens und Handelns herauszuarbeiten. Während für christliche Religionslehrkräfte bereits einschlägige Untersuchungen vorliegen, fehlte bislang eine vergleichbare empirische Fundierung in der Islamischen Religionspädagogik.

Theoretisch stützt sich die Studie auf Bourdieus Habituskonzept sowie strukturtheoretische Ansätze der Religionspädagogik, insbesondere das Habitusmodell nach Heil/Ziebertz. Methodisch wurden acht Gruppendiskussionen mit 41 islamischen Religionslehrkräften aus verschiedenen österreichischen Bundesländern durchgeführt und mit der Dokumentarischen Methode ausgewertet.

Die Ergebnisse zeigen, dass der religionspädagogische Habitus als handlungsleitende Orientierung fungiert, um Spannungen zwischen religiösen, pädagogischen und gesellschaftlichen Erwartungen zu bearbeiten. Daraus werden Implikationen für die Lehrer_innenbildung und Möglichkeiten reflexiver Habitusarbeit abgeleitet.

15:30 bis 16:00

Rück- und Ausblick

16:00 bis 16:30

Ausklang und Stehkaffee