„Wir möchten das Fach der theologischen Hadith-Studien weiter voranbringen und sichtbarer machen“

 

Interview mit der AIWG-Forschungsgruppe „Mit dem Propheten Muhammad ins Gespräch kommen“

Lieber Herr Prof. Sanseverino, Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschungsgruppe mit den überlieferten Zeugnissen der prophetischen Verkündung (Hadith) zwischen ihrer Lebensbedeutsamkeit und Diskrepanz in Geschichte, Theologie und Pädagogik. Lassen Sie uns zunächst auf den Begriff Prophet selbst schauen. Was ist ein Prophet? Welche Eigenschaften hat er?

Ruggero Vimercati Sanseverino: Ein Prophet wird im Islam gemeinhin definiert als ein Mensch, der von Gott dazu auserwählt worden ist, „Seine Offenbarung“ zu empfangen. Der Qur’an spricht daher davon, dass diese Menschen von Gott „gesandt“ werden, um ihrem Volk Gottes Rechtleitung zu verkünden. Theologisch betrachtet stellen Propheten die Erfüllung von Gottes Verheißung dar, die Adam, und mit ihm die gesamte Menschheit, nach seiner Vertreibung aus dem Paradies erhalten haben. Die prophetische Verkündigung und die dadurch begründete prophetische Tradition (sunna) sind dementsprechend Teil der Offenbarung Gottes an die Menschheit. An der Person und Lebensweise der Propheten wird Gottes transzendentes Wort für die Menschheit erst sicht-, erfahr- und verstehbar. Propheten sind nach islamischer Auffassung also nicht als „bloße Postboten“ zu verstehen, die eine Art Gebrauchsanleitung für das Paradies abgeben und dann nur noch eine historische Bedeutung für ihre Anhänger_innen haben, sondern sie sind selbst, durch Gottes Leitung, teilhabende und gestaltende Akteure des Offenbarungsgeschehens.

Daraus ergibt sich die heilsbedeutsame Vorbildfunktion der Propheten und ihrer Handlungsweisen. Zugleich zeigt sich das Bedürfnis von Muslim_innen nach einer unmittelbaren Verbundenheit zu ihrem Propheten – etwa in der ununterbrochenen Überlieferungspraxis des Hadith oder in den vielfältigen Formen der Prophetenverehrung, wie sie in der islamischen Spiritualität und Kultur ihren Ausdruck findet.

In einer von Technik und Konsum entzauberten Welt werden Prophetenbilder zukünftig auch individuell „authentifiziert“

Haben sich Prophetenbilder im Laufe der Zeit gewandelt?

Ruggero Vimercati Sanseverino: Die Forschung hat gezeigt, welche vielfältigen Facetten sich im Wandel der Zeiten und der Gesellschaften aus dieser metahistorischen, aber auch persönlichen Bedeutsamkeit des Propheten ergeben haben. Dem Propheten Muhammad kommt im Islam als letztem Propheten und als abschließenden Höhepunkt der Heilsgeschichte eine universelle und alle vorherigen Prophetien synthetisierende Geltung zu. Daher lässt sich die muhammadanische Prophetie nicht auf einen einzigen Aspekt reduzieren. Der Prophet Muhammad wird etwa als Verkünder göttlicher Gebote und Richter wahrgenommen, aber auch als ethischer Erzieher. Er gilt als Verkörperung einer frommen Lebenskunst, die solche Bereiche wie Kleidung, Ernährung oder Medizin umfasst. Zudem wird er als spiritueller Lehrmeister auf dem Weg zur kontemplativen Gotteserfahrung verstanden. Nicht zu vergessen ist seine eschatologische Rolle als universaler Fürsprecher für die Menschheit – um hier nur einige Aspekte zu nennen. Im Kontext der politischen und kulturellen Hegemonie des Westens in der Moderne und der Entstehung neuer muslimischer Eliten sind bestimmte Aspekte der muhammadanischen Prophetie neu interpretiert worden. Dies geschieht nicht zuletzt, um sich auf diese Weise der Fortschrittlichkeit, Rationalität und Moralität des Islams gegenüber dem westlichen Vorwurf der Rückständigkeit zu vergewissern. Es dient aber auch dazu, eine eigene islamische Form der Modernität zu beanspruchen oder einfach, um ein neo-konservatives Gegenmodell zum gesellschaftlichen Liberalismus islamisch zu legitimieren. So erscheint auf der einen Seite im Modernismus der Prophet vor allem als sozialer Reformer – was übrigens dem Prophetenverständnis des liberalen Protestantismus erstaunlich ähnlich ist – und auf der anderen Seite wird der Prophet im Islamismus als politischer Führer und im Salafismus als Prediger einer fundamentalistischen Gesellschaftsordnung inszeniert. Während der Jihadismus eine Kampf-Prophetologie entwickelt hat, die den Propheten als anti-imperialen Zivilisationskämpfer „promoted“, also als einer Art islamischer Lenin oder Che Guevara. Diesen modernen Prophetologien ist eine Reduzierung der prophetischen Sendung auf das Weltliche gemeinsam, insofern das übernatürliche und überweltliche Moment der Prophetie politisiert, auf ein Minimum reduziert oder gar völlig ausgeblendet wird. Interessanterweise richtet die jüngste historische Forschung die Aufmerksamkeit jedoch verstärkt auf das apokalyptische und eschatologische Element des ursprünglichen prophetischen Selbstverständnisses, was sich tatsächlich auch sehr stark in den Hadithen wiedererkennen lässt. Anders gesagt: Der „Bewegung der Gläubigen“, wie der entstehende Islam in der Forschung zuweilen bezeichnet wird, ging es weniger um das Errichten einer weltlichen Utopie – eines Paradieses auf Erden – als um die Erwartung und die Erfahrung des Jenseits.

Welche Prophetenbilder sind denn heute im Islam in Deutschland ausschlaggebend? Wie würden Sie die zukünftige Entwicklung einschätzen?

Ruggero Vimercati Sanseverino: Für die Zukunft muslimischen Lebens und Denkens in Europa ist die Frage, welche Prophetenbilder sich herausbilden und durchsetzen werden, tatsächlich ganz entscheidend. In einem Kontext der sich ausbreitenden Individualisierung von religiöser Identität, wie wir sie heute auch bei Muslim_innen beobachten können, werden Prophetenbilder meines Erachtens jedoch zukünftig weniger durch eine abstrakte Agenda bestimmt werden. Entscheidender wird die persönliche Sinnerfahrung sein, die ein Prophetenbild ermöglicht, seine Beziehungsfähigkeit und die Resonanz, die es erzeugen kann. Prophetenbilder werden zukünftig nicht nur oder weniger durch eine bestimmte religiöse Sozialisierung oder eine Ideologie vorgegeben, sondern sie werden vermutlich auch individuell „authentifiziert“ mit Blick auf ihr sinnstiftendes Potenzial in einer von Technik und Konsum entzauberten Welt. Es wird auch verstärkt um die Frage gehen, welches Prophetenbild mich in meiner eigenen immer komplexer werdenden Lebenswelt persönlich anzusprechen vermag und mich in meiner Persönlichkeitsentwicklung weiterbringt. Genau hier setzt unser Forschungsprojekt ja auch an, in dem es fragt, wie diese Entwicklungen theologisch-kritisch reflektiert, und dann auch in der Bildung begleitet werden können.

Hadithe spielen in der Glaubenspraxis nach wie vor eine signifikante Rolle. Wieso ist die Auseinandersetzung mit der funktionalen Rolle von Hadithen für die Praxis des Glaubensvollzugs weiterhin gesellschaftlich relevant?      

Ruggero Vimercati Sanseverino: Seitdem die Forschung sich etwas von ihrer Fixierung auf die Brauchbarkeit von Hadithen als historisches Dokument der Entstehungsgeschichte des Islams gelöst hat, konnte sie die wichtige kulturelle und gesellschaftliche Funktion der Hadithüberlieferung besser verstehen. So konnte gezeigt werden, wie die Hadithüberlieferung in muslimischen Gesellschaften und Kulturen die Funktion hatte, die Verbundenheit der Glaubensgemeinde mit dem Propheten Muhammad als locus der Offenbarung Gottes aufrechtzuerhalten und symbolisch zu repräsentieren. Die Überlieferung von Hadithen hat in der Geschichte des Islams immer diese Rolle gespielt, in den verschiedenen Konfessionen und Traditionen auf je unterschiedliche Weise, aber doch immer im Sinne einer Vergegenwärtigung der prophetischen Überlieferung in der muslimischen Gemeinde. Im Zuge des neuzeitlichen Reformismus ist diese Funktion der Hadithüberlieferung weitgehend ausgeblendet worden. Der Grund: Sie passte nicht in das Schema eines Gegensatzes von Tradition und Moderne oder von überliefertem und rational hergeleitetem Wissen. Die hatte zwei Folgen:  Einerseits wurde der Hadith auf seine Normativität reduziert. Andererseits entwickelte sich eine regelrechte Obsession mit der Frage nach der Authentizität, die einseitig und an formalen Überlieferungskriterien ausgerichtet wurde. Leider ist diese Obsession heute immer noch unter vielen Muslim_innen verbreitet, oft diffus und unbewusst. Dies blockiert einen theologisch kreativen Umgang mit dem Hadith erheblich. Interessanterweise handelt es sich dabei meistens um einen Diskurs, der die Praxis des Glaubensvollzugs nicht sonderlich berührt. Dies zeigt: In Wirklichkeit handelt es sich um einen bloßen Selbstschutzmechanismus. Er soll die eigene Haltung zur Hadithüberlieferung rechtfertigen – einerseits, um sich für die naturwissenschaftliche Welterklärung der Moderne anschlussfähig zu zeigen und andererseits, um sich vom Erbe islamischer Traditionen zu emanzipieren.  Es geht bei dieser Authentizitätsdebatte also eigentlich gar nicht so sehr um den Hadith an sich, sondern mehr darum, sich als Individuum in der Gesellschaft auf eine bestimmte Weise zu positionieren.

Es wird meiner Beobachtung nach oft noch unterschätzt, welche Bedeutung diese Verbundenheit zum Propheten Muhammad für die Resilienz muslimischer Gemeinden gegen Ideologisierungs- und Ausgrenzungsdynamiken hat. Denn letztere können nur dann auf fruchtbaren Boden treffen, wenn eine Gemeinde sich ihrer Verbundenheit zum Propheten nicht mehr bewusst ist und eine gewisse Entfremdung stattgefunden hat. Das heißt: Wenn der Prophet Muhammad nicht mehr im Glaubensvollzug als Person erfahren wird, mit der man in einer lebendigen und möglicherweise auch spirituellen Beziehung steht, sondern nur noch eine abstrakte Idee oder eine historische Figur darstellt, die eine letztendlich weltliche Agenda repräsentiert – wie etwa einen Kampf der Kulturen oder auch eine sozialethische Theorie. Dann kann das emotionale Kapital, das immer noch mit der Gestalt des Propheten Muhammad zusammenhängt, sehr leicht für andere Zwecke mobilisiert werden. Ein gutes Beispiel dafür sind die politisierten und gewaltsamen Reaktionen auf die Propheten-Karikaturen, die von muslimischen Aktivisten organisiert wurden. Oft werden diese Reaktionen mit der Verehrung des Propheten Muhammad im Islam erklärt. Aber selten wird darauf hingewiesen, dass gerade jene Milieus am öffentlichkeitswirksamsten reagiert haben, die die Prophetenverehrung und entsprechende Praktiken wie etwa den Mawlid (Feier der Geburt des Propheten Muhammad) für unislamisch halten. Diese Milieus haben daher ein eher unpersönliches und abstraktes Verhältnis zur Figur des Propheten. Ich würde die These aufstellen, dass Muslime, für die der Prophet Muhammad nicht nur eine abstrakte Figur ist, sondern ein Gegenüber, der sie „zu Gott ruft“ wie es im Qur’an heißt, diese Karikaturen nicht sonderlich aufgewühlt haben, weil sie sich sehr bewusst sind, dass diese Bilder mit dem Propheten Muhammad, den sie ja persönlich als Heilsfigur erleben, nichts zu tun haben können. Und gerade in diesem Zusammenhang spielt die Hadithüberlieferung eine wichtige Rolle als textuelles Medium, durch das eine solche lebendige und persönliche Beziehung hergestellt und erlebt werden kann. Im Hadith wird der Prophet zu einer ganz konkreten und lebendigen Wirklichkeit, die Gläubige erleben und der sie zuhören können, und zwar so, wie diejenigen, die ihn unmittelbar erfahren haben, die ihn tatsächlich gesehen und an ihn geglaubt haben. Dies setzt aber voraus, den Hadith nicht als politisches Manifest oder als historisches Dokument zu lesen, sondern als ein überliefertes Glaubenszeugnis. Dazu gebe es noch viel zu sagen. Jedenfalls sind hier eine hermeneutische Kompetenz und eine gewisse, ich würde sagen, spirituelle Sensibilität vonnöten, mit der wir uns im Projekt beschäftigen wollen.

„Der Hadith lädt dazu ein, an dem bezeugten Geschehen teilzunehmen“

Wenden wir uns kurz einer kleinen Begriffsklärung zu. Wie könnten Bedingungen einer gelungenen dialogischen Begegnung mit dem Propheten aussehen? Wann wäre eine vermittelnde Kommunikation nicht möglich? Was genau verstehen Sie unter „dialogisch?“      

Ruggero Vimercati Sanseverino: Der Hadith ist ja als Text so aufgebaut, dass er Hörende bzw. Lesende geradezu dazu einlädt, an dem bezeugten Geschehen teilzuhaben. Es wird im Hadith immer beschrieben, dass jemand den Propheten etwas sagen hört oder tun sieht. Oder jemand begegnet ihm einfach nur, d.h. jemand erlebt ihn, und dieses Erlebnis wird bezeugt. So können all jene, die nicht dabei waren, es nacherleben. Aus hermeneutischer Sicht ist das sehr interessant und wurde bisher von der Forschung weitgehend ignoriert. Was bedeutet es nun, das Bezeugte „nachzuerleben“? Wir werden uns im Projekt genauer damit beschäftigen. Aber ich denke, man kann jetzt schon sagen, dass von einem „Nacherleben“ gesprochen werden kann, wenn man sich vom Propheten im Hadith persönlich angesprochen fühlt. Die Figur des Propheten Muhammad wird im Geiste der Lesenden oder Hörenden zu einer lebendigen Person, aus einem Schwarz-Weiß-Foto wird ein Film, in dem man plötzlich auch selbst eine Rolle spielt. Hier wird aus dem Hadith eine dialogische Begegnung. Denn sich vom Propheten ansprechen zu lassen, verändert auch das Prophetenbild, von dem man vorher ausgegangen ist, aufgrund dessen, was man bisher über den Propheten wusste, oder dachte, zu wissen. Dieses „Vorurteil“ – also das Vorverständnis oder der Deutungshorizont, von dem der Philosoph Hans-Georg Gadamer in seiner Hermeneutik spricht – verflüssigt sich, wenn plötzlich neue Facetten des Propheten sichtbar werden und aus einem starren Bild eine lebendige Person wird, die uns auch in unseren Gewissheiten hinterfragt und unser Selbstbild herausfordert. Dann erst kommt das ins Spiel, was die „innovatorische Qualität“ des Hadith genannt werden kann, d.h. seine Fähigkeit, eine Resonanz auszulösen, die das Welt- und Selbstverhältnis der Rezipient_innen verändert, verschiebt oder vertieft und letztendlich transformiert. Und diese Transformation, da wir ja hier von einem Glaubenszeugnis und prophetischer Verkündigung sprechen, d.h. nicht einfach nur von Literatur oder einem philosophischen oder ästhetischen Text, kann zu einer Sensibilisierung für die eigene Gottesbeziehung führen und damit einen zutiefst sinnstiftenden Prozess auslösen. Es geht also letztlich bei diesen Begrifflichkeiten wie „Begegnung“, „Gespräch“ und „Dialog“ darum, etwas sichtbar zu machen und zu beschreiben, was mehr oder weniger bewusst beim Hören oder Lesen von Hadithen passiert. Unter der Bedingung, dass man den Hadith als Glaubenszeugnis ernstnimmt, sich aus dem Glauben heraus darauf einlässt und offen ist, die eigenen Überzeugungen vom Zeugnis hinterfragen zu lassen bzw. sich vom Zeugnis auch über-zeugen zu lassen. Auf der anderen Seite kann so präziser ein Nicht-Gelingen des Dialogs verstanden und beschrieben werden, d.h. wenn man sich eben nicht im Hadith vom Propheten angesprochen fühlt, sondern den Hadith als Vorwand für etwas Anderes wahrnimmt, z.B. als etwas, das mich oder andere einschränken und unterdrücken will, als ein verstaubtes Relikt einer mir fremden Gesinnung oder was auch immer. Hier ist dann zu fragen, worin genau das Problematische an solchen als „stumm“ erfahrenen oder letztendlich für „kontrovers“ gehaltenen Hadithen liegt und wie damit theologisch umzugehen ist. Auch dies ist ein Thema, mit dem sich unser Projekt beschäftigt.

Lieber Herr Prof. Sanseverino, in Ihrem Teilprojekt widmen Sie sich den identitäts- und orientierungsstiftenden Funktionen von Hadithen mit dem darin angelegten Prophetenbild Muhammads sowie den möglichen Spannungsverhältnissen zu zeitgenössischen Lebenswelten. Wie möchten Sie für dieses Forschungsvorhaben methodisch vorgehen?    

Ruggero Vimercati Sanseverino: Wir interessieren uns in Tübingen vor allem für die hermeneutische Dimension dieser Fragestellung, während der empirische Aspekt von den Gießener Kollegen übernommen wird. Mit der hermeneutischen Dimension meinen wir die epistemischen Bedingungen, unter denen ein sachgemäßes und sinnstiftendes „Verstehen“ von Hadithen in heutigen Lebenswelten möglich wird. Dafür beschäftigen wir uns auf der einen Seite mit zeitgenössischer Sīra-Literatur (Biografien des Propheten Muhammad), um zu verstehen, was anhand von Prophetenbildern heute im muslimischen Denken verhandelt wird. Unser Augenmerk liegt dabei auf zwei miteinander verflochtenen Problembereichen: den Artikulationen postkolonialer Kritiken und den Konzeptionen von Traditionalität. Auf der anderen Seite beschäftigen wir uns mit sog. „kontroversen Hadithen“. Wir untersuchen zunächst, wie sich die kritische Auseinandersetzung mit Hadithen historisch entwickelt hat, um dann zu eruieren, welche Ansätze uns moderne Hermeneutiken anbieten, um die heutigen Formen von „Problematisierung“ besser verstehen und theologisch-hadithwissenschaftlich reflektieren zu können. Beide Teilprojekte sollen dazu beitragen, genauer zu verstehen, unter welchen hermeneutischen Bedingungen Hadithe in zeitgenössischen Lebenswelten ihr sinnstiftendes Potenzial entfalten können. Um das präziser zu beschreiben, werden wir unter anderem auf den Resonanzbegriff des Soziologen Hartmut Rosa zurückgreifen.  Also auf die Idee, dass Resonanz entsteht, wenn Menschen sich von etwas angesprochen und berührt fühlen und dadurch in eine lebendige Beziehung treten. Es wird also darum gehen, zu beleuchten, worin genau die Resonanzqualität des Hadith liegt, d.h. seine Fähigkeit, das Selbst- und Weltverhältnis von Muslim_innen zu transformieren.

„Wir werfen einen Blick auf Sammlungen, welche zeigen, dass der Hadith ein wichtiger kultureller und religiöser Bestandteil muslimischer Gesellschaften war“

Lieber Herr Prof. Gharaibeh, in Ihrem Berliner Teilprojekt untersuchen Sie, wie Hadith-Sammlungen zur islamischen Identität beitragen und wie sich ihre literarische Form entwickelt hat. Dabei schauen Sie auch, welche Prophetenbilder dadurch entstanden sind und warum eine kontextbezogene Auslegung wichtig ist. Welche besonderen Hadith-Sammlungen haben Sie dafür ins Auge gefasst?

Mohammad Gharaibeh: Insbesondere dann, wenn dem Hadith für die muslimische Glaubenspraxis und Identität eine gestiegene Bedeutung beigemessen wird, wächst der Bedarf nach hermeneutischen Zugriffen zu den inhaltlichen Aussagen. Denn es handelt sich nicht um ‚Glaubenswahrheiten‘, welche einen zeitunabhängigen Wahrheitsanspruch erheben, sondern um konkrete Handlungsaufforderungen oder Ratschläge, die an Individuen gerichtet oder die aus konkreten historischen Situationen heraus entsprungen sind. Sie lassen sich nicht immer direkt ohne weiteres für die eigene Lebensrealität umsetzen. Da die Hadithe auf Grund der gestiegenen Bedeutung im Kontext des Glaubens aber auch nicht einfach ausgeblendet und ignoriert werden können, müssen Wege gefunden werden, die Inhalte der Aussagen auf die neuen Lebenssituationen anzupassen. Diese interpretatorische Leistung muss wiederum in einer Art und Weise geschehen, die den unmittelbar Hörenden einleuchtend und nachvollziehbar erscheint. Daher lassen sich über die Analyse von verschiedenen Auslegemethoden in der Vergangenheit wichtige Rückschlüsse über den Zeitgeist ziehen.

Die Sammlungen, die wir im Berliner Teilprojekt ins Auge fassen, repräsentieren diese Aspekte in unterschiedlicher Form. Zum einen werfen wir einen Blick auf Sammlungen, an denen sich zeigen lässt, dass der Hadith an sich – teilweise unabhängig von der inhaltlichen Aussage des Ausspruchs – ein wichtiger kultureller und religiöser Bestandteil muslimischer Gesellschaften war. Diese Sammlungen sind z.B. die allgemein bekannten Sammlungen von vierzig Hadithen, welche teils thematisch, teils aber auch nach Überlieferern oder Orten ihrer Tradierung geordnet sind, oder die ʿAwālī-Sammlungen – d.h. Hadithe mit besonders kurzen Überlieferungsketten –, durch welche Hadithgelehrte hohes gesellschaftliches Ansehen erlangen konnten. Zum anderen rücken wir die sogenannten Asbāb wurūd al-ḥadīṯ-Sammlungen in den Mittelpunkt des Projekts. Diese Sammlungen listen Hadithe und die Anlässe und Kontexte auf, in denen der Prophet die enthaltenen Aussagen getätigt hat. Diesem Ansatz unterliegt die Vorstellung, dass die Kenntnis des historischen Kontexts zur überzeitlichen Kernaussage eines Ausspruchs führt, welche dann auf geänderte Kontexte übertragen werden kann. Die Studie zu diesem Genre wird nicht nur eine Sammlung aus dem 15. und 16. Jahrhundert im Detail analysieren, sondern auch klären, warum eine Auslegemethode über die Überlieferungsanlässe gerade in dieser Zeit als wichtig erachtet wurde.

Lieber Herr Prof. Sarıkaya, in Ihrem Teilprojekt untersuchen Sie, welche Rolle Hadithe beim Lehren und Lernen im islamischen Religionsunterricht an Schulen und in islamischen Gemeinden spielen. Wie sollte eine gute Kompetenz im Umgang mit Hadithen in Schule und Moschee aussehen?

Yaşar Sarıkaya: Unser Teilprojekt befasst sich mit religionspädagogischen Ansätzen für Schulkinder der Klassen 1 bis 6 sowie für Moscheeschüler_innen derselben Altersgruppe. Dabei geht es vor allem um die Frage, ob und wie die Schüler_innen eine persönliche und emotionale Beziehung zum Propheten Muhammad aufbauen und an seinem Beispiel lernen können, was eine Person muslimischen Glaubens in all ihren Facetten ausmacht, d.h. was und wie sie glaubt, welche Gottesdienste sie praktiziert und wie sie in ihrem sozialen Umfeld und mit ihrer Umwelt agiert. Charakterbildung steht hier im Mittelpunkt. Die Hadith-Didaktik soll dazu beitragen, dass Schüler_innen im Propheten ein lebensnahes Vorbild entdecken, dessen Handeln sie als gut empfinden und die darin zum Ausdruck kommenden ethischen Prinzipien verinnerlichen können. Im Idealfall mündet dieser Prozess in eine Übertragung des prophetischen Vorbildes auf das eigene Empfinden und in eine individuelle Reflexion darüber, wie sich dieses Vorbild auf das eigene alltägliche Handeln und auf die Beziehung zu Gott und den Mitmenschen auswirken kann. Gleichzeitig bedeutet eine gesunde emotionale Bindung an den Propheten auch, dass ich an dieser Aufgabe immer wieder scheitern darf und dennoch darauf vertrauen kann, dass der Prophet mich liebt und Gutes für mich wünscht.

Welche Rolle spielen Genderaspekte/-fragen in Ihrem Forschungsvorhaben?

Yaşar Sarıkaya: Genderaspekte spielen vor allem in der Forschung zu „kontroversen Hadithen“ und zur Hadithdidaktik eine wichtige Rolle, aber auch das Teilprojekt zu Prophetenbildern und die Forschung zur historischen Entwicklung der dialogischen Funktion von Hadithen werden danach fragen, wie sich Geschlechterbilder darauf auswirken bzw. darin abbilden. Das Thema Geschlechterrollen im Hadith spielt in Debatten über die Beheimatung des Islams in Deutschland eine wichtige Rolle: Inwieweit stellt der „Glaube an Hadithe“ ein Hindernis dar, für die Gleichberechtigung der Geschlechter im muslimischen Leben und Denken in Deutschland? Mit Blick auf das Profil des Projekts ist diesbezüglich danach zu fragen, welche Rolle das Geschlecht für die Konstruktion von Prophetenbildern und für die damit einhergehenden Erwartungen an den Hadith spielt, insbesondere mit Blick auf zeitgenössische Lebenswelten. Wir erhoffen uns außerdem, den hermeneutischen Umgang mit genderproblematischen Hadithen historisch zu klären und, durch zeitgenössische Ansätze, Wege zur kritischen Weiterentwicklung und Erneuerung aufzeigen zu können.

„Spannungsfeld zwischen „Hadith-Konformismus“ und „Hadith-Skeptizismus“

 

Welchen gesellschaftlichen Beitrag leisten Sie mit Ihrer Forschung?

Ruggero Vimercati Sanseverino: Hadithe werden immer wieder herangezogen, um eine politische und teilweise auch gewaltsame Agenda islamisch zu legitimieren, um soziale Normierungen oder kulturelle Praktiken mit religiöser Autorität zu besetzen, aber auch, um islamophobe Positionen zu belegen. Sowohl Teile der Medien und der Politik als auch zivilgesellschaftliche Akteur_innen, selbst solche mit einer gewissen islamischen Expertise zu Extremismusprävention oder Gefängnisseelsorge, sind offenbar damit überfordert, einen problematischen Umgang mit Hadithen kritisch einzuordnen und theologisch glaubwürdige Alternativen aufzeigen zu können. Vielleicht noch wichtiger, da ursächlicher, ist aber die Verunsicherung von Menschen muslimischen Glaubens im Umgang mit Hadithen. Die teilweise gewaltsamen sozialen und kulturellen Umwälzungen in der muslimischen Welt, und dazu gehört eben auch die Migration muslimischer Bevölkerungen nach Europa, hat dazu geführt, dass ein gewisses Urvertrauen in das eigene „religiöse Gedächtnis“ erschüttert worden ist. Damit einher geht ein gewisser Verlust von dem, was man eine intuitive hermeneutische Kompetenz, oder zumindest Sensibilität in Bezug auf Hadithe nennen kann. Hadithe werden nicht mehr in erster Linie als Glaubenszeugnisse thematisiert, sondern als Dokument eines als statisch wahrgenommenen „Erbes“, also als eine Last der Vergangenheit, die es, im Angesicht divergenter Welterklärungen und Erkenntnissysteme entweder zu verteidigen gilt, um die eigene Identität bewahren zu können, oder die es, auf die ein oder andere Weise, zu überwinden gilt, um sich modernisieren zu können. Diese Polarisierung führt meiner Beobachtung nach zu einer Verunsicherung, die sich dann als diffuse und oft auch widersprüchliche Haltungen zur Hadithüberlieferung manifestiert. Meine Vermutung ist also, dass der defensiv-apologetische oder gar fanatische „Hadith-Positivismus“ ein Mechanismus ist, um diese Verunsicherung über die eigene Tradition zu kompensieren, und das gleich gilt, wenn auch auf eine andere Weise, für den grundsätzlichen „Hadith-Skeptizismus“, welcher sich aus einem emotional überladenen Argwohn gegenüber jeglicher Form überlieferten Wissens nährt. In beiden Fällen geht es letztendlich immer darum, eine eigenmächtige Kontrolle über dieses „Erbe“ zu gewinnen, um es für die eigene Identitätsbehauptung verfügbar zu machen. Unser Projekt will für beide angesprochene Problematiken, die gesellschaftliche Überforderung im Umgang mit Hadithen und die diesbezügliche Verunsicherung im muslimischen Diskurs, Konzepte und Ressourcen entwickeln, die eine theologisch und wissenschaftlich fundierte Herangehensweise ermöglichen, welche sowohl die historische Dimension der Hadithüberlieferung berücksichtigen als auch hermeneutische Perspektiven eröffnet.

Yaşar Sarıkaya: Das Gießener Teilprojekt liefert ergänzend dazu eine erste systematische Analyse islamischer Schul- und Gemeindelehrbücher im Hinblick auf das Prophetenbild und die didaktische Verwendung von Hadith und Sīra-Literatur. Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse zeigen können, welchen Beitrag der Islamische Religionsunterricht (IRU) und die Moscheepädagogik in dieser Hinsicht bereits leisten und wo noch didaktisches Entwicklungspotenzial besteht. Muslimische Kinder, die eine gesunde Beziehung zu Gott und dem Propheten aufbauen und auf dieser Basis lernen, ihren Glauben reflektiert und mündig zu leben, werden zu verantwortungsbewussten, verlässlichen und sozial kompetenten Erwachsenen heranwachsen, die unsere Gesellschaft bereichern.

„Wir wollen Bewegung bringen in die Diskussion über die Rolle des Hadith für die Islamische Theologie“

 

Welches Zwischenfazit ziehen Sie nach den ersten Projektmonaten?

Ruggero Vimercati Sanseverino: Der Zusammenhang von Prophetenbildern und der Resonanzqualität von Hadithen hat sich als hilfreicher konzeptueller Rahmen erwiesen, um die theologischen Voraussetzungen des Verstehens und Interpretierens von Hadithen zu erörtern. Die Herausforderung besteht zum einen darin, aus der Vielfalt an Quellenmaterial eine begründbare Auswahl zu treffen, und zum anderen darin, die Forschungen zur zeitgenössischen Sīra-Literatur und ihrer didaktischen Analyse mit der Forschung zu „kontroversen“ Hadithen, die ja sowohl historisch als auch hermeneutisch arbeitet, in Hadith-hermeneutischen Entwürfen miteinander zu verknüpfen. Bisher hat sich gezeigt, dass es dafür hochinteressante historische Ressourcen gibt, wie z.B. das Denken des indischen Hadith-Gelehrten und Theologen Shāh Walī Allāh (gest. 1762), aber auch, wie hilfreich die Ansätze zeitgenössischer Hermeneutiken etwa aus der Sprechakttheorie oder aus Paul Ricoeurs Hermeneutik des Zeugnisses sind. Eine weitere Herausforderung besteht sicherlich darin, aus dieser Forschung heraus brauchbare und zugängliche Ressourcen für Multiplikator_innen, zum Beispiel Seelsorger_innen und Pädagog_innen, zu schaffen und zur Verfügung zu stellen, also ein entsprechendes Orientierungswissen anzubieten.

Yaşar Sarıkaya: Die bisherige Erhebung, welche im Falle der IRU-Schulbücher vollständig und im Falle der Gemeindelehrwerke teilweise erfolgt ist, hat sehr viel Rohmaterial zutage gefördert, das vermutlich weit über den Projektzeitraum hinaus Grundlage für diverse zusätzliche Auswertungen bietet. Mit Blick auf das Projekt zeichnet sich eine Herausforderung dahingehend ab, die Befunde sowohl in ihrer Breite als auch in der jeweiligen Tiefe analysieren zu können. Da die Hadithdidaktik im deutschsprachigen IRU-Diskurs nach wie vor ein unterrepräsentiertes Feld darstellt, würde ich im Zweifelsfall eine stärkere Fokussierung auf diesen Bereich favorisieren, wobei mir natürlich bewusst ist, dass die einzelnen Themenbereiche nur schwer voneinander zu trennen sind.

Worauf freuen Sie sich in der verbleibenden Projektzeit besonders?

Yaşar Sarıkaya: Besonders freue ich mich auf neue Erkenntnisse aus unserem Gießener Teilprojekt, aus denen konstruktive Impulse für unsere Disziplin abgeleitet werden können, vor allem, was den Umgang mit Hadithen in Schulbüchern betrifft. Es ist spannend zu sehen, wie unterschiedlich diese Texte dargestellt und didaktisch eingebettet werden, und ich bin gespannt, welche neuen Einsichten wir daraus noch gewinnen können.

Ganz besonders bereichernd finde ich den Austausch im Projektteam. Er ist wirklich inspirierend – da entstehen immer wieder neue Ideen und Synergien, die unsere Arbeit voranbringen.

Und natürlich blicke ich auch den Transferformaten im letzten Projektjahr mit großer Vorfreude entgegen. Ich bin neugierig auf das Feedback aus Wissenschaft, Schule und Gemeinden – das wird sicher wertvolle Impulse geben, um unsere Ergebnisse noch praxisnäher und relevanter zu machen.

Ruggero Vimercati Sanseverino: Ich freue mich darauf, die Dynamik, die bereits in der gemeinsamen Arbeit an den unterschiedlichen Themen entstanden ist, weiter zu nutzen, um das Fach der theologischen Hadith-Studien weiter voranzubringen und sichtbarer zu machen. Die Erwartungen an das Projekt sind spürbar hoch, da es sich bisher um das erste größere Förderprojekt zum Hadith in der europäischen Islamischen Theologie handelt und da die Diskussion über die Rolle des Hadith für die Islamische Theologie als akademisches Fach sehr festgefahren schien. Das motiviert uns alle besonders, Ergebnisse zu produzieren, die für etwas Bewegung sorgen werden.

Darüber hinaus freue ich mich auf die abschließende Phase des Projekts, in der die erzielten Forschungsergebnisse inhaltlich zusammengeführt, reflektiert und öffentlich sichtbar gemacht werden. Dazu zählen vor allem zwei Schwerpunkte: ein Sammelband und mehrere Workshops. Der Sammelband bildet den zentralen wissenschaftlichen Output des Projekts und zeigt, wie historische, theologische und pädagogische Perspektiven auf den Hadith miteinander verknüpft werden können. Ebenso freue ich mich auf das Panel beim AIWG-Kongress 2026, auf dem die gewonnenen Erkenntnisse präsentiert und neue Forschungsperspektiven für die Hadith, Geschichte, Religionspädagogik und Islamische Theologie diskutiert werden. Dazu wird am Ende des Projektes eine internationale Konferenz den Austausch über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen in der theologischen Hadithforschung fördern.

Der praxisorientierte Transfer der Projektergebnisse in schulische, gemeindliche und gesellschaftliche Kontexte bildet ebenso einen zentralen Schwerpunkt des Projektes. Dazu gehören Workshops mit Lehrenden an Schulen und Moscheegemeinden, der Austausch mit Akteur_innen der Präventionsarbeit und Gefängnisseelsorge sowie die Entwicklung einer pädagogischen Hadithauswahl und Handlungsempfehlung für Unterricht und Bildungsarbeit. „Stell mir deinen Propheten vor“ im Rahmen der Islamwoche in Hamburg, bei der die teilnehmenden Kinder ihre Prophetenbilder in Form von Plakaten kreativ gestalteten und die durch eine begleitende Podiumsdiskussion ergänzt wurde. Die daraus gesammelten Ergebnisse werden veröffentlicht.

Kurz-Biografien

  • Prof. Dr. Ruggero Vimercati Sanseverino ist Professor für Hadith-Studien und Prophetische Tradition am Zentrum für Islamische Theologie der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Er forscht insbesondere zu Hadithüberlieferung und Literaturen über den Propheten Muhammad, zu klassischen und zeitgenössischen islamischen Prophetologien, zu Fragen islamischer Imitationsfrömmigkeit sowie zu Dynamiken von Überlieferung, Tradition und Erneuerung im Islam.
  • Prof. Dr. Mohammad Gharaibeh ist Professor für Islamische Ideengeschichte am Berliner Institut für Islamische Theologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der islamischen Ideengeschichte aus theologischer, wissenssoziologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive, der Hadithwissenschaft, der islamischen Glaubenslehre und der Kalām-Traditionen, der islamischen Mystik sowie in der Analyse des Islam und muslimischer Lebenswelten in der Gegenwart, insbesondere in Deutschland.
  • Prof. Dr. Yaşar Sarıkaya ist Professor für Islamische Theologie und ihre Didaktik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Er arbeitet vor allem zur islamischen Religionspädagogik und Fachdidaktik, zur islamischen Bildungs- und Ideengeschichte sowie zur Prophetenbiografie und Prophetenüberlieferung im Kontext schulischer und gemeindlicher Bildungsprozesse.

Die Teilprojekte an den einzelnen Standorten

Tübingen: Theologische Hermeneutik (Prof. Dr. Vimercati Sanseverino)

Das Tübinger Teilprojekt untersucht den Zusammenhang zwischen der Resonanzqualität des Hadith und dem darin implizierten Prophetenbild sowie die hermeneutischen Voraussetzungen für die Erschließung ihrer Lebensbedeutsamkeit. Analysiert werden Prophetenbilder in zeitgenössischen Sīra -Diskursen im Spannungsfeld von Postkolonialität und Traditionalität sowie der theologische Umgang mit problematischen Hadithen (muškil al-ḥadīṯ), wobei zeitgemäße hermeneutische Ansätze unter Einbeziehung moderner Texttheorien entwickelt werden.

Berlin: Geschichte (Prof. Dr. Gharaibeh)

Das Berliner Teilprojekt beleuchtet aus ideengeschichtlicher Perspektive, wie sich Prophetenbilder und Frömmigkeitspraktiken in Hadithsammlungen ausdrücken und welche hermeneutischen Mittel für das Hadith-Verständnis entwickelt wurden. Im Fokus stehen thematische Sammlungen und deren theologische Agenda sowie das Genre der asbāb al-wurūd (Anlässe der Überlieferungen) als kontextualisierendes Instrument in der post-kanonischen Gelehrsamkeit.

Gießen: Pädagogik (Prof. Dr. Sarıkaya)

Das Gießener Teilprojekt fragt nach der Rolle und Funktion der dialogischen Erfahrungsdimension des Hadith in schulischen und gemeindlichen Bildungsprozessen. Durch Analyse von Curricula und Lehrwerken aus drei Bundesländern (Hessen, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen) wird erforscht, wie die Auswahl und Darstellung von Hadithen die Prophetenwahrnehmung bei Lernenden prägt und welches didaktische Potenzial sich daraus für den islamischen Religionsunterricht ergibt.