Internationale Abschlusskonferenz von AIWG-Forschungsgruppe
Was erzählen Hadithe über das Leben und die Persönlichkeit des Propheten Muhammad? Welche Bedeutung haben Kontext, Adressat_innen und Diskurs für ihre Auslegung? Und wie können die Überlieferungen heute gelesen, erforscht und vermittelt werden? Mit diesen Fragen befassten sich internationale Wissenschaftler_innen bei der Abschlusskonferenz der AIWG-Forschungsgruppe „Mit dem Propheten Muhammad ins Gespräch kommen?“, die am 7. und 8. Oktober 2026 am Zentrum für Islamische Theologie (ZITh) der Eberhard Karls Universität Tübingen stattfand.
Unter dem Titel „In Conversation with the Prophet Muhammad? The Hadith Between Existential Relevance and Discrepancy in History, Theology, and Pedagogy“ brachte die Konferenz 18 Wissenschaftler_innen mit unterschiedlichen Perspektiven aus Geschichte, Theologie und Religionspädagogik zusammen. Im Mittelpunkt stand die Frage, inwiefern Hadithe nicht nur als historische Quellen oder normative Texte, sondern auch als Medien einer dialogischen Begegnung mit dem Propheten Muhammad verstanden werden können. Dabei wurden sowohl ihre existenzielle und spirituelle Relevanz als auch historische Spannungsverhältnisse, kontroverse Inhalte und hermeneutische Herausforderungen diskutiert.
Dem Propheten Mohammed im Hadith begegnen
Der erste Tag konzentrierte sich auf unterschiedliche Zugänge zum Leben und Wirken des Propheten. Nach der Begrüßung stellte Prof. Dr. Ruggero Vimercati Sanseverino das Projekt der AIWG-Forschungsgruppe vor und ordnete es in den Kontext aktueller Herausforderungen des Fachs ein. In seiner einleitenden Keynote plädierte er für eine De-Kolonialisierung der akademischen Hadithforschung. Dabei betonte er die Notwendigkeit, die spezifische Textualität des Hadith sowie die damit verbundenen epistemischen und hermeneutischen Voraussetzungen angemessen zu berücksichtigen, anstatt sie zu ignorieren.
Ein Panel zur islamischen Religionspädagogik untersuchte, welche Rolle Hadithe im Religionsunterricht und in Schulbüchern spielen und wie sich herausfordernde Inhalte didaktisch reflektieren lassen. Weitere Beiträge widmeten sich der Bedeutung prophetischer Überlieferungen für Spiritualität, religiöse Authentizität und Bildungsprozesse.

Podium des zweiten Panels zur Narrativen Prophetologie
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der historischen Kontextualisierung von Hadithen. Diskutiert wurde, was ihre Sprache über die jeweiligen Kommunikationssituationen und die Gesprächspartner_innen des Propheten erkennen lässt und wie Entstehungsanlässe (Asbāb al-wurūd) bei der historischen und sozialen Einordnung einzelner Hadithe helfen können. Neben klassischen Methoden wurden auch digitale und computergestützte Verfahren vorgestellt. Damit nahm die Tagung zugleich die Potenziale und Grenzen dieser Verfahren bei der Erschließung und Interpretation von Hadithen in den Blick.
Die prophetische Stimme in der schriftlichen Überlieferung
Am zweiten Konferenztag rückten die textuellen und sprachlichen Eigenschaften der Überlieferungen in den Mittelpunkt. Verschiedene Beiträge betrachteten Hadithe als tradierte Zeugnisse, kommunikative Handlungen und Formen des Diskurses. Erörtert wurden das Verhältnis von mündlicher und schriftlicher Überlieferung sowie die damit verbundenen epistemologischen, theologischen und hermeneutischen Fragen. Dazu gehören der Zeugnis-Charakter des Hadith und die sich daraus ergebende Resonanzqualität, die der Hadithüberlieferung ein transformatives Potential verleiht und vielversprechende Perspektiven der Rezeptionsästhetik eröffnet. Dass die „Offenheit“ des Hadith im Text und seiner Überlieferung selbst angelegt sind, wurde ebenfalls deutlich wie auch die Notwendigkeit, nach der hermeneutischen Sensibilität des „Modell-Lesers“ zu fragen, wie er vom Text vorausgesetzt wird.
Auch die Funktion von Hadithsammlungen wurde über die klassische Frage nach der Authentizität einzelner Überlieferungen hinaus untersucht. Die Referent_innen untersuchten spirituelle Deutungen im Ibadismus, einer vor allem im Oman verbreiteten eigenständigen islamischen Glaubens- und Rechtstradition, sowie die Bedeutung von Hadithsammlungen für die Herausbildung einer sunnitischen Identität. Zudem fragten sie danach, warum Gelehrte über Jahrhunderte hinweg immer wieder neue Sammlungen zusammenstellten.
Abschließend diskutierten die Teilnehmer_innen konstruktiv über kontroverse und widersprüchlich erscheinende Hadithe. Gefragt wurde, ob die wahrgenommenen Widersprüche in den Überlieferungen selbst liegen oder erst aus bestimmten Lesarten und Vorannahmen hervorgehen. Dabei spielte auch die Frage eine Rolle, an wen sich kontroverse oder „problematisch“ erscheinende Hadithe richten.
Im Dialog über Grenzen, Disziplinen und Forschungsmeinungen hinweg
Die sechs Panels der zweitägigen Konferenz verdeutlichten die thematische und methodische Vielfalt der gegenwärtigen internationalen Hadithforschung. Sie zeigten zugleich, wie eng historische Quellenkritik, theologische Reflexion sowie aktuelle Bildungs- und Identitätsfragen miteinander verbunden sind. Der interdisziplinäre Austausch eröffnete neue Forschungsperspektiven auf die Bedeutungen des Hadith und seiner Überlieferung für muslimisches Leben und Denken. Insbesondere ist deutlich geworden, dass bisherige Erklärungsansätze nicht hinreichend erklären können, warum Hadithe auch in säkularisierten und individualisierten Lebenswelten Muslim_innen ansprechen und was dies, jenseits politisierter öffentlicher Diskurse, über die Beziehung von Muslim_innen zu ihrem Propheten aussagt. Die breite internationale Beteiligung unterstrich die wissenschaftliche Relevanz des Forschungsthemas und die große Resonanz auf die Arbeit der ausrichtenden AIWG-Forschungsgruppe.

Gruppenfoto vor dem ZITh
Das Projekt „Mit dem Propheten Muhammad ins Gespräch kommen? Der Hadith zwischen Lebensbedeutsamkeit und Diskrepanz in Geschichte Theologie und Pädagogik.“ wird gemeinsam umgesetzt von Wissenschaftler_innen der Humbolt Universität in Berlin, der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Eberhard Karls Universität Tübingen im Rahmen der Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft (AIWG). Es wird gefördert durch das BMFTF.
Mehr zur AIWG-Forschungsgruppe können Sie hier nachlesen.






