Wie erschließt sich der Sinn prophetischer Überlieferungen?
Auf einem Arbeitstreffen der AIWG-Forschungsgruppe „Mit dem Propheten Muhammad ins Gespräch kommen“ Ende April standen grundlegende Fragen der Hadith-Hermeneutik im Mittelpunkt: Wie erschließt sich der Sinn prophetischer Überlieferungen – aus dem Text selbst heraus oder erst durch Kontext und Interpretation? Diese Leitfrage durchzog das gesamte Treffen und entfaltete sich in verschiedenen thematischen Diskussionen.
Einen eigenen Schwerpunkt bildete die Frage, unter welchen konkreten Umständen prophetische Überlieferungen entstanden sind. Die klassische Disziplin der Asbāb wurūd al-ḥadīṯ zeigt, dass der Sinn eines Hadith sich nicht allein aus seinem Wortlaut erschließt, sondern erst durch den Blick auf seine Entstehungssituation vollständig verständlich wird. Als zentrale Referenz diente das Werk al-Bayān wa-t-taʿrīf von Ibn Ḥamza ad-Dimašqī (17./18. Jahrhundert), der als einer der bedeutendsten Gelehrten gilt, der diese Thematik systematisch gesammelt und zugänglich gemacht hat.
Das Prophetenbild in deutschen Schulbüchern
Eine weitere Diskussion richtete den Blick auf die schulische Praxis und untersuchte, wie der Prophet Muhammad in Schulbüchern für den islamischen Religionsunterricht (IRU) der Klassen 1–6 über die Auswahl an Quellmaterial dargestellt wird – und welche Aspekte systematisch ausgespart bleiben. In den Lehrerkommentaren der Schulbücher (sowie in den IRU-Bildungsplänen der Länder) wird regelmäßig betont, dass man im Sinne einer zeitgenössischen Religionspädagogik den Propheten nicht glorifizieren, sondern vor allem als (Beziehungs-)Menschen darstellen wolle (d.h. als Vater, Ehemann, Lehrer, Freund etc.). Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass dieses Versprechen nur teilweise eingelöst wird. Gleichfalls ist bemerkenswert, dass der mekkanischen Phase mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als der medinensischen, obwohl letztere weit besser dokumentiert ist. Religiös-eschatologische Inhalte (Jenseitsvorstellungen, Offenbarungsanlässe) bleiben – so ein weiterer vorläufiger Befund – zumeist unterbelichtet und selbst die Idee vom Propheten als Vorbild wird oft nicht auf greifbare Weise entfaltet.
Hermeneutische Zugänge zu problematischen Hadithen im Religionsunterricht
Erste Analysen dieser und anderer Zwischenergebnisse sind im Gang und machen deutlich, wie dringend tragfähige Ansätze für den Umgang mit prophetischen Überlieferungen im Unterricht benötigt werden. Erörtert wurde zudem, wie mit sogenannten „problematischen Hadithen“ umgegangen werden kann – Überlieferungen, die sowohl von extremistischen Gruppen zur Gewaltlegitimation als auch von islamfeindlichen Akteur_innen zur Verzerrung des Islambildes instrumentalisiert werden. Vorgestellt wurde ein hermeneutischer Ansatz, der klassische und moderne theologische Perspektiven auf Prophetenbilder und -funktionen mit dem Konzept der sozialen Idealität des Propheten verbindet. Das Prophetenbild – wie es in islamischen Texten und in der muslimischen Gemeinschaft tradiert wird – dient dabei als Deutungsrahmen für die kritische Erschließung einzelner Hadithe. Ziel ist es, Schüler_innen zu einer theologisch reflektierten Auseinandersetzung mit ihrer Überlieferungstradition zu befähigen, jenseits von Apologetik und unreflektierter Übernahme.
Die Diskussionen verweisen auf ein gemeinsames Anliegen der Forschungsgruppe – die Frage, wie prophetische Überlieferungen in Wissenschaft, Schule und Gesellschaft kontextsensibel erschlossen und reflektiert vermittelt werden können. Die Gruppe wird ihre Arbeit und bisherigen Ergebnisse auf dem AIWG-Kongress im Juni 2026 einem breiteren Fachpublikum vorstellen. Das nächste standortübergreifende Treffen ist für Dezember in Berlin geplant.
Mehr zur Arbeit der Forschungsgruppe kann im Interview nachgelesen werden.







