Internationale Tagung in Berlin zu muslimischer Militärseelsorge
Wie können Muslim_innen in Deutschland in ihrem soldatischen Alltag und bei Einsätzen bestmöglich seelsorgerisch betreut werden? Welche Herausforderungen stehen einer flächendeckenden seelsorgerischen Betreuung muslimischer Soldat_innen in der Bundeswehr bislang im Weg? Und welche seelsorgerischen Modelle gibt es in anderen europäischen Ländern?
Diese und andere Fragen standen am 11. und 12. September in Berlin bei der internationalen Tagung „Muslim Military Chaplaincy in European Armed Forces. Needs, Governance and Professional Formation – an Operational Perspective“ im Fokus.
Eingeladen hatte die Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft“ der Goethe-Universität Frankfurt gemeinsam mit dem Deutschen BundeswehrVerband (DBwV). Anwesend waren neben Vertreter_innen aus Verteidigungsministerien auch ein muslimischer Militärseelsorger, Forscher_innen sowie muslimische Soldat_innen aus dem DBwV. „Ziel war es, sich untereinander über den aktuellen Stand der islamischen Seelsorge im europäischen Kontext auszutauschen und aus den Erfahrungen Schlüsse für den Aufbau einer solchen in der Bundeswehr zu ziehen“, sagte der Themenverantwortliche Militärseelsorge im DBwV, Hauptmann a.D. Jörg Greiffendorf, im Nachgang.
Europäische Länder gehen unterschiedliche Wege bei der Umsetzung einer muslimischen Militärseelsorge
Deutlich zeigten sich Unterschiede im Entwicklungsfortschritt der Länder. Während Frankreich und Großbritannien schon seit 2005 eine weitgehend verankerte muslimische Militärseelsorge besitzen, ist dies in den Niederlanden seit 2009 der Fall. Deutschland hingegen wird erst im Rahmen eines Pilotprojekts eine islamische Militärseelsorge einführen.
Wie sich in der Diskussion zeigte, lässt sich keines der bestehenden Modelle eins zu eins auf Deutschland übertragen. Zu unterschiedlich sind Traditionen der beteiligten Staaten in der Verknüpfung von Staat und Kirche. So unterscheidet sich das laizistische Prinzip Frankreichs grundlegend von dem deutschen, in dem die Kirchen über einen Staatsvertrag die Militärseelsorge verantworten.
Ein Fazit der Tagung: Man müsse sich an den konkreten Problemen der schätzungsweise 3.000 muslimischen Soldat_innen in der deutschen Truppe orientieren.
Ein Militärimam könnte die verfassungsrechtlich gewährleistete Freiheit zur Religionsausübung für Menschen muslimischen Glaubens stark unterstützen. Gleichzeitig könnte er als Ansprechpartner des Kommandeurs die Sichtbarkeit des muslimischen Anteils der Truppe erhöhen.
Bei der Frage nach der Ausbildung gab es ein differenziertes Meinungsbild. Einig war man sich darin, dass eine theologische Ausbildung im Islam unerlässlich sei, genauso wie grundlegende militärische Kenntnisse. Während es in Frankreich dafür einer zweijährigen Ausbildung bedarf, wird in Großbritannien der Fokus auch auf die Fähigkeit gelegt, mit der Diversität in den unterschiedlichen Konfessionen des Islam umgehen zu können. In Deutschland sei es notwendig, auf Basis der Inneren Führung zu agieren und diese als wichtigen moralischen Kompass in die seelsorgerische Arbeit miteinzubringen.
In der Schlussbetrachtung wurde sowohl von den muslimischen Soldat_innen als auch den anwesenden Expert_innen festgestellt, dass eine eigene seelsorgerische Repräsentanz ein Recht ist – und nicht etwa ein Bonus, den man großzügig gewährt. Die internationalen Erfahrungen hätten gezeigt, dass eine langfristige Institutionalisierung möglich sei. Sie könne die Sichtbarkeit muslimischer Soldat_innen deutlich erhöhen und den Zusammenhalt in der Truppe stärken. Das biete Deutschland eine Orientierung, allerdings müsse es einen an die Anforderungen der Bundeswehr angepassten eigenen Weg geben. Der Austausch soll deshalb fortgesetzt werden.
[Quelle: KG/DBWV]

Foto: Eva Krämer
Bestehende Strukturen weiterentwickeln an sich verändernde religionsgesellschaftliche Bedingungen
Aus Sicht der AIWG machte die Berliner Tagung zur muslimischen Militärseelsorge in Europa vor allem deutlich, dass ihre Etablierung in europäischen Streitkräften nicht auf eine einzelne institutionelle oder organisatorische Frage reduziert werden kann. Vielmehr greifen unterschiedliche Akteure, religionsverfassungsrechtliche Rahmenbedingungen, militärische Anforderungen und gesellschaftspolitische Debatten und besonders auch administrative Logiken ineinander. Die zentrale Herausforderung hierbei liegt in der Frage des Umgangs mit der zunehmenden weltanschaulichen, religiösen und kulturellen Pluralität innerhalb der Streitkräfte. Dies betrifft nicht ausschließlich muslimische Soldat_innen. In den auf der Tagung vertretenen europäischen Ländern bleibt dies auch in teilweise bereits langjährig etablierten Strukturen eine fortlaufende Herausforderung. Welche Modelle tatsächlich tragfähig sind, hängt wesentlich von administrativer Umsetzbarkeit, dem politischen und institutionellen Gestaltungswillen sowie von aktuellen gesellschaftlichen und sicherheitspolitischen Faktoren ab.
„Deutschland befindet sich beim Aufbau einer muslimischen Militärseelsorge noch am Anfang, zugleich ist mit dem angekündigten Pilotprojekt ein wichtiger Übergang von der Diskussion zur praktischen Umsetzung erreicht. Erfahrungen aus anderen Ländern können beim Aufbau einer muslimischem Militärseelsorge Orientierung bieten, ohne dass bestehende Modelle einfach kopiert werden sollten. Auch die Erfahrungen der christlichen Militärseelsorge können wichtige Anknüpfungspunkte liefern“, so die Geschäftsführerin der AIWG. Es gehe nicht darum, bestehende Strukturen neu zu erfinden oder unreflektiert zu übernehmen, sondern daraus zu lernen und sie unter veränderten religionsgesellschaftlichen Bedingungen weiterzuentwickeln.
Welchen Beitrag können islamische Organisationen und Ausbildungsinstitutionen für Seelsorge leisten?
Nicht abschließend behandelt werden konnte auf der Tagung die Rolle islamischer Organisationen. Bewusst standen zunächst muslimische Soldat_innen und ihre konkreten Bedarfe im Mittelpunkt, unabhängig davon, ob sie an Moscheegemeinden angebunden sind. Gerade in einem religionsverfassungsrechtlich korporatistisch geprägten System wie dem deutschen bleibt jedoch die Frage nach Repräsentation, institutioneller Anerkennung, Vertrauen, Verantwortlichkeiten und der Einbindung islamischer Organisationen wichtig. Auch Rekrutierung und Qualifizierung bleiben entscheidende Entwicklungsfelder. Die Islamische Theologie an Universitäten hat eine gute Grundlage geschaffen. Ansatzweise existieren bereits Ausbildungseinrichtungen, in denen religiös-islamische Bildung mit seelsorgerlichen Kompetenzen verbunden wird.
Für die militärische Praxis stellt sich für Deutschland aus Sicht der AIWG die Frage, wie die vorhandenen Institutionen und qualifizierten Akteure aus Bundeswehr, Hochschulen und Religionsgemeinschaften miteinander in einen Prozess der Entwicklung einer soliden Grundlage für den Auf- und Ausbau der muslimischen Militärseelsorge gebracht werden können.
Die Newsmeldung des DBVW vom 16.09.2026 finden Sie hier.







