Zweiter AIWG-Fachkongress bringt mehr als 100 Wissenschaftler_innen zusammen
Im Juni richtete die Akademie für Islam in Wissenschaft und Gesellschaft gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Islamische Theologie unter dem Titel „Von Texten und Kontexten: Islamische Theologie zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ den dritten Fachkongress der islamisch-theologischen Studien in Frankfurt aus.
Mehr als 100 Wissenschaftler_innen der islamisch-theologischen Studien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz diskutierten mit Gästen aus benachbarten Disziplinen, aus Praxisfeldern, und aus dem europäischen sowie außereuropäischen Ausland. In 25 Panels wurden aktuelle Forschungsfragen, gesellschaftlich relevante Themen im Feld sowie Aspekte muslimischen Lebens im deutschsprachigen Raum behandelt.
Nach einem erfolgreichen Kongress-Auftakt am 11. Juni, eröffnete Prof. Dr. Amir Dziri, Fribourg, mit seiner Keynote zu epistemischem Stress unter Muslim_innen, den zweitägigen Kongress. Epistemischer Stress sei ein Produkt der Notwendigkeit, in unter nicht klar zu bewertenden Situationen Handlungsentscheidungen zu treffen. Bei Muslim_innen ergebe sich dies aus einer Differenz zwischen tradierten Normen und der eigenen Lebenswirklichkeit. Hier Lösungen anzubieten, sei eine wichtige Funktion der islamisch-theologischen Studien.

Das somit aufgezeigte, breite Feld zwischen Norm und Lebenswirklichkeit umfasst die Verbindung von Quellenarbeit und Gegenwartsanalyse, von theologischer Tradition und gesellschaftlicher Wirklichkeit, von philologischer Genauigkeit und kontextbezogenen Deutungen, die in den drei Sektionen des Kongresses Text und Norm, Lebenswelten und Islamische Theologie sowie Religionspädagogik zum Tragen kamen.
Ein besonderer Fokus des Kongresses lag auf den Themengebieten Digitalisierung und Bildung. Im Bereich Digitalisierung setzte sich das Panel Mensch 2.0? mit der ethischen Einordnung der neuen Wirklichkeit auseinander. Im Panel „God’s Influencers” der AIWG-Forschungsgruppe „Islam und Digitalität“ wurde die Produktion und Inszenierung religiösen Wissens durch Online-Influencer_innen in den Blick genommen. Um die Rezeption solcher Angebote durch insbesondere junge Muslim_innen drehte sich das Panel Social Media als Raum für Sinnsuche und Orientierung.
Das zweigeteilte Panel Digitalität und Bildung verband die beiden Themenbereiche. Es diente methodisch insbesondere der Vorstellung empirischer Studien mit Fokus auf religiöse Autorität im digitalen Raum, den islamischen Religionsunterricht in NRW, die pädagogische Professionalisierung islamisch-theologischer Bildung sowie den Einfluss digitaler Religiosität auf den Raum Schule. Mit Anforderungen und Motivationen von Lehrkräften im islamischen Religionsunterricht setzte sich das Panel Professionsforschung in der Islamischen Religionspädagogik auseinander. Ebenfalls im Bereich Bildung verortet, stellten die beiden AIWG-Projektwerkstätten in den Paneln Religiöse Bildung an den Lernorten Schule und Moschee und Falsafa in die Schule – Mission accomplished? ihre Ergebnisse vor.
Ein weiteres wichtiges Thema des divers aufgestellten Kongresses war das Feld der muslimischen Seelsorge. Unterschiedlichen Berufskontexten dieser widmete sich das Panel Islamische Seelsorge in Gefängnis, Bildung und Notfalleinsätzen. Auch im Rahmen des sich mit der Thematik muslimischer Geflüchteter befassenden Panel stellte dieses Feld im Panel Seelsorge, Religion und Solidarität im Kontext muslimischer Geflüchteter einen Schwerpunkt dar. Stärker vertreten waren hier allerdings Fragestellungen nach religiöser Transformation unter Fluchtbedingungen, die insbesondere im Panel Von Aleppo nach Aargau thematisiert wurden. Neben stark praxisbezogenen Fragestellungen blieb die Arbeit an Verständnis und Vermittlung der religiösen Kerntexte ein wichtiger Teil des Kongresses, wie etwa die Panel Kontextualisierung und religiöse Normierung, Genese von Quellen und Gattungen in Exegese, Hadith und Recht, Korankommentar im Wandel und Mit dem Propheten Muḥammad ins Gespräch kommen? – letzteres ausgerichtet von der gleichnamigen AIWG-Forschungsgruppe – aufzeigen.
Mit rund 95 Beiträgen, 25 Paneln und rund 130 Teilnehmenden aus beinahe allen Standorten der islamisch-theologischen Studien im Dach-Raum bot der Kongress einen breiten Einblick in die gegenwärtige Forschungslandschaft mit der Möglichkeit der inner- und überfachlichen Vernetzung.
Zur Ergebnissicherung wird die AIWG einen Tagungsbericht veröffentlichen. Mitschnitte ausgewählter Vorträge werden in Kürze auf dem YouTube-Kanal der AIWG veröffentlicht.







