ITS-Colloquium zu „Medizinethik und Islam im deutschsprachigen Raum“
Anfang September fand in Erlangen das ITS-Colloqium „Medizinethik und Islam im deutschsprachigen Raum“ statt. Organisiert wurde das Treffen von Dr. des. Beate Anam und Dr. Hadil Lababidi, den Co-Leiterinnen des Arbeitskreises „Medizinethik und Islam“. Der Arbeitskreis nahm das Treffen zum Anlass, um fünf Jahre seit Gründung Bilanz zu ziehen: Wo steht die medizinethische Forschung zu Islam und muslimischem Leben im deutschsprachigen Raum? Wie soll sich der Arbeitskreis künftig weiterentwickeln?
Eröffnet wurde das Forschungscolloquium von Jörn Thielmann, Geschäftsführer des EZIRE, den beiden Leiterinnen des Arbeitskreises und der AIWG, vertreten von Simon Mallas.
Von den Bedürfnissen muslimischer Patient_innen zur strukturellen Verankerung
Den inhaltlichen Auftakt bildete der Impulsvortrag von Dr. Leyla Güzelsoy, Klinikum Nürnberg. Sie zeichnete zunächst die Entwicklung des Forschungsfeldes nach. Anschließend zeigte sie auf, wo aus ihrer Sicht gegenwärtig besonderer Forschungs- und Handlungsbedarf besteht. Während sich frühe Arbeiten insbesondere mit der Versorgung von Patient_innen mit Migrationsgeschichte beschäftigten, rückten zunehmend spezifische Fragen zur Versorgung muslimischer Patient_innen in den Fokus. Güzelsoy betonte vor allem den Bedarf an empirischer Forschung, um herauszufinden, welche Bedürfnisse muslimische Patient_innen tatsächlich äußern und welche davon als religiös verstanden und welche möglicherweise „kulturalisiert“ werden. Ebenso wichtig sei die Perspektive des medizinischen und pflegerischen Personals. Darüber hinaus müssten die Auswirkungen von antimuslimischem Rassismus und intersektionaler Diskriminierung auf die Gesundheitsversorgung stärker untersucht werden. Ein weiteres Forschungsfeld sah Güzelsoy in der muslimischen Seelsorge. Hier stelle sich unter anderem die Frage, wie Seelsorgende in Gesundheitseinrichtungen institutionell eingebunden und qualifiziert seien, wie sie ethischen Konflikten in der Beratung begegnen und welche Rolle sie in der klinischen Ethikberatung übernehmen können. Zugleich sprach sie sich für eine stärkere Beteiligung muslimischer Akteur_innen an bestehenden Ethikstrukturen in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen aus, warnte aber vor einer lediglich symbolischen Repräsentation oder Instrumentalisierung einzelner Personen.
Als zentral erweise sich die Verbindung von empirischer und normativer Forschung: Aus empirischer Perspektive gelte es zunächst genauer zu untersuchen, welche Bedürfnisse muslimische Patient_innen äußern. Die normative Perspektive richte den Blick anschließend darauf, welche dieser Bedürfnisse berechtigt sind und inwiefern sie unter den Bedingungen der Gesundheitsversorgung berücksichtigt und umgesetzt werden können.
Aktuelle Forschungsfelder: von Demenz bis Frauenmilchspende
Wie vielfältig die derzeitigen Forschungsfelder sind, zeigten die darauffolgenden Projektvorstellungen. Dr. Sema Akin präsentierte ihre geplante Online-Studie zu „Wissen und Wahrnehmung von Demenz bei türkischstämmigen Menschen in Deutschland“. Denn ein grundsätzliches Problem bestehe dahingehend, dass Menschen mit Migrationsgeschichte in Studien häufig unterrepräsentiert sind. Sprachliche Zugangshürden können die Teilnahme zusätzlich erschweren, denn gerade bei Erkrankungen wie Demenz können im Krankheitsverlauf erworbene Sprachkenntnisse verloren gehen. Diskutiert wurden deshalb auch Möglichkeiten, bestehende Netzwerke stärker für die Ansprache potenzieller Studienteilnehmer_innen zu nutzen.
Julia Will stellte ihr Promotionsprojekt zur „Frauenmilchspende im Kontext von Kultur und Religion“ vor. Die gegenwärtige Überarbeitung einschlägiger Richtlinien eröffne die Möglichkeit, religiöse und kulturelle Perspektiven frühzeitig einzubeziehen. In der Diskussion wurde daher angeregt, konkrete Empfehlungen für eine islamisch sensible bzw. islamkonforme Frauenmilchspende und den Empfang von Spenderinnenmilch zu entwickeln, und diese gezielt an Fachgesellschaften und Berufsgruppen aus Gynäkologie, Pädiatrie, Pflege und Hebammenwesen heranzutragen.
Wissenstransfer braucht dauerhafte Strukturen
Der zweite Schwerpunkt des Colloquiums lag auf dem Wissenstransfer. Aysun Tekbaş thematisierte „Interkulturelle Kompetenzen in der medizinischen Lehre“, während Ali Özdil Ansätze für ein „Gütesiegel für kultursensible Pflege und Medizin“ vorstellte. In der Diskussion wurde deutlich, dass Angebote zu Kultur- und Religionssensibilität in der medizinischen Ausbildung vielerorts weiterhin stark vom Engagement einzelner Personen abhängig sind. Veränderungen in Curricula und institutionellen Strukturen benötigen dagegen Zeit und Ressourcen. Als wichtige Perspektive wurde deshalb eine stärkere strukturelle Verankerung entsprechender Kompetenzen in der Aus- und Weiterbildung medizinischer und pflegerischer Berufsgruppen diskutiert. Dabei sollten neben Ärzt_innen ausdrücklich auch Pflegefachpersonen, Hebammen und weitere Gesundheitsberufe berücksichtigt werden.
Die Frage nach der zukünftigen Ausrichtung des Arbeitskreises zog sich durch das gesamte Treffen. Diskutiert wurden insbesondere die stärkere Verzahnung von Forschung und Praxis, mögliche Kooperationspartner_innen sowie Wege für einen nachhaltigen Wissenstransfer.
Damit knüpfte das Treffen an die bisherige Arbeit des Arbeitskreises an und markierte zugleich den Ausgangspunkt für dessen nächste Entwicklungsphase: Forschung zu Medizinethik und Islam soll nicht nur Wissen über die Versorgung muslimischer Patient_innen hervorbringen, sondern dieses Wissen gemeinsam mit Akteur_innen aus Medizin, Pflege, Seelsorge und weiteren Gesundheitsberufen in nachhaltigen Strukturen verankern.






